Die Biermeile findet ja auch ohne uns statt

Obwohl ich nicht twittere, habe ich eine Lieblingstwitterin (zufälligerweise ist sie in Liebe mit Katzen). Und eben diese Dame erinnerte mich gestern daran, dass es ja auch noch die Biermeile gibt. Beim Besuch der Internetpräsenz der Biermeile, wurde ich belehrt, dass diese Veranstaltung ein Motto hat. Und dass das Motto dieses Jahr klangvoller nicht sein könnte: „Bier macht uns zu Freunden!“
Von diesem „uns“ möchte ich mich ausdrücklich ausgeschlossen wissen.

Aus Gründen der unfreiwilligen Nachbarschaft über viele Jahre hinweg, verabscheue ich das „größte Bierfestival der Welt“ ausdauernd und heißblütig, dennoch spürte ich auf einmal einen irrationalen kleinen Stich der Wehmut, als ich an dieses stinkende, urin- und bierüberflutete Straßenfest erinnert wurde. Denn diese Nachbarschaft ist inzwischen ja nicht mehr. Gott sei Dank, eigentlich. Und trotzdem ist alles, was mit Friedrichshain verbunden ist auch wehmütig besetzt und also auch das alljährliche Rituale der Biermeile und meiner Verachtung derselben.
Tatsächlich machte die Erinnerung daran einen derartigen Eindruck auf mich, dass ich heute Nacht von der Biermeile träumte.

Ich träumte, ich liefe die Karl-Marx-Allee lang, von Weberwiese aus Richtung Frankfurter Tor und betrachtete die gegenüberliegende Straßenseite. Bierstand reihte sich an Bierstand und dazwischen das große Rülpsen und Furzen des vereinigten Proletariats. Peter Kraus, der sich mit 104 gerade frisch hatte liften lassen, wackelte parkinsonesk auf einer kleinen Bühne vor dem Biergarten „Oranke“. Davor eine Horde Bierzombies, die mit ihren dicken Bäuchen immer wieder gegeneinander taumelten, was sie am Umfallen hinderte, einerseits, und sie andererseits in Bewegung hielt.
Der Traum verlor sich dann in einer etwas zusammenhanglosen Kritik am Umbau der Weberwiese und Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, die ich ebenfalls ausdauernd und heißblütig nicht leiden kann, aber das ist eine andere Geschichte.

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„Individuelle Schwächen“ und das Übernehmen von Schuld

2004 besuchten F und ich mit Freunden das vergleichsweise kleine Immergut-Festival. Es war mein erstes und letztes Festival.

Von Anfang an war ich skeptisch, ob mir das da denn gefalle. Dixi-Klos und Zelte dicht an dicht, überall Menschen, nirgends Rückzugsraum. Aber F meinte, ich müsse es einfach mal ausprobieren und ihm, der er das Immergut schon 2002 besucht hatte, war es in bester Erinnerung, fast familiär sei es gewesen. Ungern wollte ich als Spielverderberin dastehen, also überkletterte ich meinen Schatten. Und schließlich: Tomte und Kettcar im Line-Up, Bernd Begemann, die Weakerthans, The Notwist.

Aber gleich am ersten Abend erlebte ich eindrücklich, warum ich Veranstaltungen wie diese meiden wollte. Es war – ich glaube – vor dem Tomte-Konzert und Tomte, die waren ja der heiße Scheiß, da wollten alle hin. Wir waren schon vom Zeltplatz auf das Festivalgelände gegangen, da fiel mir irgendwas ein, was ich vom Zelt holen musste. Ich ging durch den Ein- und Ausgang, über dessen Breite ich zu diesem Zeitpunkt nicht nachdachte und lachte mit S, die mit mir kam.
Als wir zurückkehrten hatte sich vor dem Zugang eine kleinere Menschentraube gebildet, deren Teil wir wurden. Schließlich: Das erste große Konzert sollte gleich beginnen, das wollte man nicht verpassen.
Aber für die Hereinströmenden erwies sich der Zugang als zu schmal, von hinten, links und rechts brandeten immer mehr und mehr Menschen gegen die Traube, bis wir schließlich derart dicht standen, dass wir unsere Ellenbogen kaum mehr frei bekamen. Neben uns hyperventilierte ein Mädchen.

Ich konnte nichts sehen als Menschen, nichts riechen als Schweiß, Bierdunst, Parfum und Plastikstoff. Jede meiner Bewegungen endete in Enge. Unvorhersehbare Wellenbewegungen drängten uns brutal gegen einander, in die eine oder andere Richtung, schoben die Menschen auf mich. S und ich umklammerten die Hand der anderen wie verrückt.

Erst war Murren zu hören, Unzufriedenheit. Es änderte sich nichts, die Traube wurde daran gehindert auf das Festivalgelände zu strömen, aber immer mehr Menschen schwappten gegen den Haufen.
Eine schrille Männerstimme rief: „Ich muss hier raus.“ Von hinter mir kam Schluchzen: „Ich kann nicht mehr.“ Aus einer anderen Ecke: „Hallo? Hallo? Nicht ohnmächtig werden! Hilfe, hier wird eine ohnmächtig. Hilfe! Wir müssen hier raus.“
Es wurde immer enger, die Luft, obwohl unter freiem Himmel, immer dünner und in den Ohren rauschte das Blut.
Als die Menschen zwar versuchten eine Gasse zu bilden, um die kollabierte Dame zu befreien, diese Gasse aber sofort immer wieder geschlossen wurde und niemand etwas dagegen tun konnte, auch Rufe nichts brachten, legte sich echte Panik über die Masse. In meiner Kehle würgten Tränen der Verzweiflung.
Ich dachte nur: „Raus. Weg. Wenn ich hier raus komme – nie wieder mach ich bei sowas mit.“
Und das ereignete sich auf einem freien Feld mit höchstens ein paar Hundert Menschen innerhalb einer recht kurzen Zeit. Bis zur Auflösung der Situation dürfte höchsten eine 3/4 Stunde vergangen sein.

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Oh, wie schön sind die Rehberge

Was ich anderen und mir selber gerne in Erinnerung rufe, ist, dass Berlin ja in einem Urstromtal liegt. Bei mir beschwört das immer wieder Bilder von Dinos, Urwäldern und weiten grünen Ebenen herauf und einem reißenden Strom, um den herum das Urzeitgetier sich tummelt, aalt und röhrt.
Vor allen Dingen bedeutet es aber eigentlich nur: Sand.
Der berüchtigte märkische Sand.
Und eben dieser Sand ging den Berlinern nach dem Ersten Weltkrieg auf den Wecker. Man hatte in der großen Not nämlich sämtliche Bäume abgeholzt, die dort gestanden hatten, wo heute der Volkspark Rehberge liegt. Und weil die Bäume nicht mehr den grundbildenden Sand zusammenhielten, verwehte das Zeug dauernd. Der Feinstaubgehalt dieser Tage muss im Wedding mörderisch gewesen sein.
Ich stelle mir vor, wie eine Weddinger Hausfrau im Jahre der galoppierenden Inflation ihre Weißwäsche zum Trocken in den Hof hängt und sie beim Zusammenlegen entsetzt über den sandigen Schleier ist. Da hat sie den gesamten Samstag in der Waschküche mit Seifenlauge und Waschbrett gekämpft, hat Rückenweh, Schwielen, Blasen und aufgeplatzte Haut hingenommen und nun macht der Sand, diese Plage, alles zunichte. Und am Abend wird wieder der Mann schimpfen, dass Laken sei rau und kratze. Wenigstens ist der Scheuersand dieser Tage nie zu knapp und die Dielen glänzen.
Wann immer man sich ins Sacktuch schnäuzte, fand man ein Schnodder-Sand-Gemisch. Und aus den Krankenzimmern des Virchow-Klinikums drang das tuberkulöse Husten von Menschen mit Staublungen.
So mag das damals gewesen sein. Und das blieb auch so, bis im Laufe der 1920er Jahre die Arbeitslosigkeit explodierte. Daraufhin wurden Notstandsprogramme auf den Weg gebracht, um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen und vormals Arbeitslose wurden u.a. damit beschäftigt Parks anzulegen.
Von 1926 bis 1929 arbeiteten 1200 Menschen an der Entstehung des Volksparks Rehberge. Der spätere SPD-Politiker Fritz Rück bemerkte 1931 in seinem Buch „Der Wedding in Wort und Bild“ es sei die „…wohl die größte soziale und städtebauliche Leistung der letzten Jahrzehnte“ gewesen.

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„ratlosigkeit alter katzen“

Durch diese Suchanfrage hat ein Mensch auf mein Blog gefunden und ich musste schmunzeln. Das passt. Malo ist mit ihren 20 Jahren ein ausgesprochen ratloses Wesen bzw. sie leidet aller Wahrscheinlichkeit nach unter Altersdemenz.
Die Vergesellschaftung mit Nora und Anton war vermutlich auch deshalb von Malos Seite so einfach, weil sie rasch vergessen hatte, dass die zwei nicht schon immer hier waren.

Sie ist recht taub und das in Verbindung mit einer Demenz führt dazu, dass sie sehr laut ist. Dauernd quakt die Dame und mitunter röhrt sie wie ein Hirsch – weiß der Geier warum. Das nervt durchaus. Und besonders nach dem Umzug hatte sie es drauf des Nächtens eine Lautstärke in ihrem Röhren zu erreichen, dass ich fürchtete die Nachbarschaft würde uns bald die Polizei auf den Hals schicken. Entweder wegen Ruhestörung oder Tierquälerei.
Gott sei Dank ist das nicht passiert und unsere Nachbarin von Gegenüber beteuerte Malos Gebrüll nie mitbekommen zu haben, sie sich aber selber oft sorge ob ihr alter Zottel-Hund nicht das ganze Haus mit altersstarrsinnigen Bellen tyrannisiere. Was ich wiederum nicht bestätigen konnte.

Da Malos Augen inzwischen trüb geworden sind, nehmen wir an, sie sieht außer Schemen nicht mehr viel. Was sie vor allem wahrnimmt sind Gerüche, Luftzüge und Erschütterungen.

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Das Brokkoli-Patent

„Ja, ist es denn!“, dachte ich gestern, während ich den geschälten Kohlrabi in zwei Teile hieb und mich der Deutschlandfunk gerade darüber in Kenntnis setzte, dass es tatsächlich Menschen gibt, die behaupten, es sei sinnvoll und rechtens, wenn Konzerne Gemüse und anderes Obst patentieren dürften. Und zwar keine neumodernen Genmanipulationen, sondern Nutzzüchtungen, die bereits unser aller Großväter auf die Felder ausgebracht haben.

Monsanto. Patentpiraterie. Die Gelben Bohnen mexikanischer Bauern. „Wem gehört die Natur?“
Ich weiß ja, dass es das gibt; aber, dass ein britischer Konzern meint, er hätte einen Patentanspruch auf stinknormalen Brokkoli, war mir neu.
„Ja ist es denn!“, knirschte ich schon wieder, diesmal beim Zerhacken der Frühlingszwiebeln, denn diese britischen Forscher, und mit ihnen Monsanto und die anderen bösen Riesen, meinten ein Patent stünde ihnen dann zu, wenn sie im Labor einfach und schlicht ein paar Gene des jeweiligen Gemüses oder Geflügels (denn auf Tiere kann auch ein Patent angemeldet werden) lokalisierten. Ein Vorgang, der in den Laboren heutigentags trivial ist.

Christoph Then, wissenschaftlicher Berater von Greenpeace, bemerkte dazu im DLF:

… dass ist aber technisch so ähnlich, als wenn man früher ein Mikroskop genommen hat oder eine Lupe um zu sehen was vorhanden ist und durch diesen Vorgang der ‚Sichtbarmachung‘ der Entdeckung dazu verwendet hätte, um zu sagen die ganze Pflanze ist dadurch zur Erfindung geworden.

Nun könnte man annehmen, das macht ja nichts, wenn die Konzerne da so einen Quatsch finden. Sind eh alles Psychopathen, weiß man ja spätestens seit „The Corporation“. Im Grunde könnte es vielleicht sogar ganz hilfreich sein, hat vielleicht eine entlarvende Wirkung.
Aber nein, dem ist mitnichten so. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass Brokkoli, der Stinknormale, patentiert wird – nicht zuletzt, weil das Europäische Patentamt an durchgewunkenen Patenten verdient, nicht an abgelehnten.
Heute und Morgen bebrütet man nun vor der Großen Beschwerdekammer des Europäischen Patentamts den Präzedenzfall des Brokkolis und ich hoffe, dem Wahnsinn wird Einhalt geboten. Alles andere wäre verrückt und fatal.

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Wahres Blut und verrückte Männer

Neulich standen F und ich vor der Wahl die 4. Folge der 3. Staffel von True Blood zu gucken oder die 2. der 1. Mad Men-Staffel.
Und obwohl True Blood Alexander Skarsgård hat und viele tollen Charaktere und Alan Ball, entschieden wir uns für Mad Men, deren Qualität wir nach dem Piloten noch nicht wirklich abschätzen konnten und deren Cast uns noch nichts ans Herz gewachsen war.
Zugegeben, es sind zwei vollkommen unterschiedliche Serien, was es vermutlich schwer machen sollte, sie zu vergleichen, aber weil sie gerade in meinem Inneren um meine Aufmerksamkeit konkurrieren, vergleiche ich sie trotzdem. Auch wenn ich von Mad Men bisher erst sechs Folgen gesehen habe, von True Blood aber schon 27.

Aber, ach, True Blood.
Die erste Staffel fand ich großartig. Besonders toll die Mutter-Tochter-Beziehung von Lattie Mea und Tara. Die Abgründe und der Wahnsinn einer alkoholkranken Mutter und ihrer co-abhängigen Tochter. Aller Fantasy-Elemente zum Trotz waren die Figuren glaubhaft und interessant. Und Anna Paquin als Sookie Stackhouse zwar schon nervig, ein bisschen, aber irgendwie erträglich, noch ganz süß und nicht so furchtbar frisiert wie in der 2. Staffel. Außerdem: Der Rest war spannend und die übrigen Figuren passend besetzt.

In der zweiten Staffel hat mir die „Fellowship of the Sun“ sehr gut gefallen und Michelle Forbes als böse Mänade Maryann war eine wunderbare Idee. – Leider blieb sie nur das: Eine wunderbare Idee. Die True Blood-Macher bekleckern sich besonders in der zweiten Hälfte dieser Staffel nicht sonderlich mit Ruhm; Spannung wird unendlich aufgebaut, bloß um effektlos zu verpuffen. Und als wäre das nicht schlimm genug, war die Stylisten-Crew vom Bösen besessen und zauberte Abscheulichkeiten aus Haar und Schminke auf die Köpfe und in die Gesichter von Anna Paquin und Stephen Moyer. Sogar im Imdb-Board zu True Blood baten Fans man möge doch Bill endlich wieder schön aussehen lassen, es sei ja nicht zum Aushalten sonst.
Sowohl die Auflösungen für die Fellowshiper als auch Maryanns böses Treiben empfand ich als unbefriedigend und lieblos. Weiterlesen

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„Stirbt die Biene, stirbt auch der Mensch“

Mit diesem Spruch demonstrierten Imker gegen den Einsatz hochgifitiger Pestizide, an deren Folgen die Bienen entweder sofort starben oder aber unter Gedächtnisverlust litten und nicht mehr zum heimischen Stock fanden, was ebenfalls zum Tode führte. Und dabei ist die aufgenommene Menge des Gifts unwichtig, Bienen verendeten selbst dann, wenn die Pestiziddosis so gering war, dass sie sich im Labor nicht messen ließ.
Und wir essen dieses Gift und denken dann, das sei gesunde Ernährung. Das war der letzte Schubs den ich brauchte, um es endlich mit der „Märkischen Kiste“ zu versuchen.

Monoma brachte mir das rätselhafte Bienensterben wieder in Erinnerung. Davon hatte ich schon gehört und besorgtes Magenweh deswegen gehabt. Und das leise Gefühl, der nachvollziehbaren Konsequenz, wenn die Honigbiene sich entschließt durch ihr Aussterben den egomonanischen Menschen, die sich die Erde rücksichtslos Untertan machen und eben zerstören, die Hilfe an diesem Raubbau zu verweigern.

Gestern hatte ich endlich Zeit mir die verstörende Arte-Dokumentation anzusehen. Da ich just mit einer Sommergrippe geschlagen bin, war meine Laune schon vorher nur so mittel, nach der Doku war ich einfach nur entsetzt. Und damit mein Entsetzen nicht ratlos versiegt, schreibe ich nun darüber.

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