Schlechter als ihr Ruf

Neulich sahen F und ich uns die vielfach gelobte Arte-Dokumentation „Berliner Rand“ an. Kurz zum Inhalt: Ein paar Filmemacher haben vier Berliner Jugendliche, ohne Perspektive und am Rande der Existenz, ein Jahr begleitet.
War ich anfangs noch darauf eingestellt mich vor allem wegen des Leides der Jugendlichen angestrengt und unwohl zu fühlen, lag es im Verlauf der Sendung mehr und mehr auch an der Machart der Dokumentation.
Dieser mit Rundfunkgebühren finanzierte Film, zeichnet ein völlig distanzloses Bild des evangelisch-missionierenden Kinderhilfswerks „Die Arche“. Tatsächlich hatten F und ich zum Schluss den Eindruck, wir hätten da gerade einen „Arche“-Propagandafilm gesehen.

Darüber hinaus ist die Dokumentation mE das Gegenteil von dem, was sie behauptet zu sein:

„…ein Gegenentwurf zu den vielen Krawall- Dokusoaps der Privaten, die kriminelle Jugendliche und sozial schwache Hartz-IV-Familien allzu häufig vorführen und dem Voyeurismus der Zuschauer aussetzen.“

Denn genau so habe ich diese Sendung nicht erlebt. Zu einem Teil liegt das wahrscheinlich daran, dass ich, seit sechs Jahren ohne Fernseher, es nicht mehr gewohnt bin, was einem die Privatsender heute so vorsetzen. Ich messe Sendungen noch mit altmodischen Maßstäben, die aus der Zeit stammen, bevor das Infotainment auch bei Arte und 3sat die Dokumentationen in Geiselhaft nahm.
Aber dennoch: Es fängt schon mit der Auswahl der porträtierten Jugendlichen an. Da wird der Bildungsbürger wieder mit dem Vorurteil gefüttert, arm gleich bildungsfern und unmündig. Wenn 21jährige nicht in der Lage sind ein Schnitzel zu salzen und es vollkommen ausgeschlossen ist, dass drei der vier Porträtierten jemals eigenständig und verantwortungsbewusst leben – und beim Vierten bleibt es auch arg fraglich; dann ist es kein Wunder, dass eine überwältigende Mehrheit der Meinung ist, ALG-2-Empfänger seien per se unfähig sich um ihre Kinder zu kümmern.
Und die Dokumentation führt die Jugendlichen vor, samt und sonders. Zeigt sie in Momenten der Dummheit, Verzweiflung und Demütigung. Unterlässt es ihrerseits nach Ursachen zu fragen oder Kritik zu äußern.
Die Jugendarbeiter, die lieblos und hart mit einem haltlosen 16jährigen umgehen, die evangelische Mission in der Kinderhilfe, die Frage, warum die 21jährigen Zwillinge tatsächlich so vollkommen lebensunfähig sind. – Das alles findet keine Reflexion, nicht einmal in subtilen Andeutungen.
Stattdessen muss der nächtliche Wortwechsel zweier Bekannten der Zwillinge reingeschnitten werden. Sinngemäß: „Und haste Bock für 900 Euro zu arbeiten?“ – „Nee, quatsch. Ick will Hartz IV.“
Diese Dokumentation zeigt dem Bildungsbürger nichts Neues, nichts Nachdenkliches sondern bestätigt ausschließlich gängige Vorurteile, durchsetzt mit der Erkenntnis, die Lage ist so schlecht, da kann niemand mehr helfen. Allerhöchstens Gott.

F verweist in seiner Kritik zum „Berliner Rand“, als Beispiel für einen gelungenen Film über schwierige Jugendliche, auf „Prinzessinnenbad“. Stimmt, Prinzessinnenbad macht es in der Tat besser. Obwohl keinerlei Stimme aus dem Off irgendetwas erklärt, werden Ursachen nachvollziehbar, erlebt der geneigte Zuschauer, dass diese Mädchen mehr fühlen und wissen, als oberflächlich sichtbar wird. Und: Dass schlechte Leistungen in der Schule, nicht Blödheit bedeuten. Der Film schafft tatsächlich Intimität ohne Voyeurismus und Demütigung.

Wenige Tage nach „Berliner Rand“ sahen F und ich uns noch die ZDF-Dokumentation „Jung und pleite“ der Sendereihe 37 Grad an. Okay. Das ZDF ist das RTL2 unter den Öffentlich-Rechtlichen. Alleine die Präsenz von Marietta Slomka oder dieses irritiernd schiefen Gesicht Klaus Klebers sollte einem zu denken geben.
Und dass 37 Grad in der Regel dumme Krawalldokus produziert, habe sogar ich ohne Fernseher mitbekommen – aber das Thema interessierte uns und also warfen wir die ZDF-Mediathek an.
Furchtbar. Einfach nur furchtbar. Hämisch, blöde und unkritisch werden drei verzweifelte und ratlose junge Menschen vorgeführt. Mag sein, dass die Sprecherin unfähig ist Stimmlagen abseits von Zickigkeit und Häme zu treffen, aber es bleibt einfach nur respektlos.

Der 22jährige David ist akut von Obdachlosigkeit bedroht und kann vor Schulden kaum geradeaus gucken. Trotzdem klammert er sich auf unvergleichlich süße Art an die Hoffnung, dass irgendwann alles gut werden soll. Der Zuschauer könnte sich fragen, warum der junge Mann nicht das Naheliegende tut, nämlich wieder bei den Eltern einziehen. Harmlos erklärt die Sprecherin: Das ginge nicht, weil David mit seinen Eltern „Krach“ gehabt habe.
Wenn man sich vor Augen hält, dass der Junge die Obdachlosigkeit dem Wohnen bei seinen Eltern vorziehen muss, empfinde ich es als dreiste Verharmlosung, den stattgefundenen Bruch in der Familie, lapidar als „Krach“ zu bezeichnen.
Ja, die Doku ist sogar so unverschämt, David aus dem Off vorzuwerfen, wie es denn sein könne, dass er sich verschuldet habe, schließlich: „Sparen hat er eigentlich von seinen Eltern gelernt.“
Die 19jährige Ramona, die 5000 Euro Schulden hat und offensichtlich von einem Mangel beherrscht wird, den sie versucht durch das Kaufen von Kleidungsstücken auszugleichen, wird immer wieder als dummes Ding hingestellt.
„Die 19jährige kann es einfach nicht lassen“, erklärt die Sprecherin schnippisch und dreht Ramona, die hilflos versucht eine Erklärung für ihr Verhalten zu finden, die Worte im Mund herum.
Und schließlich der 22jährige Marc, ebenfalls mit 5000 Euro verschuldet. Auch für ihn hat die Dokumentation kein Verständnis übrig: Er sei zu faul, wolle immer nur Skateboardfahren und Chillen. Ganz ungeniert ergreifen die Doku-Macher die Partei der vergrätzten Mutter, die froh scheint, dass auch die vom Fernsehen ihrem Sohn die Schuld an seiner verzweifelten Lage alleine in die Schuhe schieben.
Oma und Mutter brüsten sich sogar noch damit, was für großherzige Menschen sie trotzdem noch sind – „Obwohl er es nicht verdient hat!“ – während Marc ihnen beschämt in allem Recht gibt und sich selbst hasst.

Tatsächlich taucht die Frage, wie es möglich ist, dass junge Menschen, kaum volljährig geworden, schon mit vielen Tausend Euros verschuldet sind und ihre gesamte Zukunft auf dem Spiel steht, nur in oberflächlichen Andeutungen auf.
Und dann sind es allein die Jugendlichen, die so viel Telefonieren, so viel Shoppen, so viel Chillen.
Was für einer unbekömmlichen Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Vernachlässigung und Missachtung die jungen Menschen von Seiten der Erwachsenen ausgesetzt sind – nicht nur von den Eltern, auch von Unternehmern, Lehrern und Medienschaffenden – kann erahnen, wer den schnippischen Ton der Doku-Macher ausblendet und den hilflosen, gutgläubigen, verzweifelten und reumütigen jungen Menschen zuhört. Aber für Zwischentöne hatte man bei 37 Grad keine Zeit und kein Gefühl.

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3 Antworten zu Schlechter als ihr Ruf

  1. Claudia Sperlich schreibt:

    Auch mich nervt die Stimme der Kommentatorin. Aber hauptsächlich entnehme ich der Dokumentation, daß drei junge Leute über sich nachdenken, ihr Leben in die Hand nehmen, sich helfen lassen (auch Leute haben, die ihnen helfen).
    Ärgerlich finde ich, daß niemand – weder Kommentatorin noch Mutter noch Großmutter – gegenüber dem jungen Skateboardfahrer erwähnt, daß er ganz hervorragend Skatboard fährt. Als ob dazu keine Geschicklichkeit und keine Disziplin gehört.
    Nachdenklich stimmt mich allenfalls, was mir kürzlich die Mutter eines Schauspielers sagte: Ihr Sohn habe in einer Talkshow den Hartz-IV-Empfänger gespielt. Mag also sein, daß wir auch bei 37 Grad ausschließlich Schauspieler vor uns haben.

  2. Volkmar Kevin schreibt:

    hi, ich wollt mich mal erkundigen ob das hier noch einer liest , weil dann könnte ich evtl. was zu dem Film „Berliner Rand“ einige sachen zu schreiben/sagen
    und die Sozialpädagogen sind eig. gar net so schlimm,, das problem ist nur das man net alles sieht und nicht viel von dem was vorher war zu sehen bekommt, heist um mal zu der szene zu kommen wo ich meine Schuhe in den Räumlichkeiten der WG ausziehen soll,, ich wusste ganz genau bescheid das die schuhe ausgezogen werden da ich vorher meine schwester dort schon besucht habe heist ich wusste genau wo es lang läuft
    (Protagonist)

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich lese hier durchaus und würde mich über eine Schilderung aus Deiner Sicht sehr freuen.

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