Schwanger Toxoplasmose Angst

Als frisch brütendes Menschenweibchen wird einem dieser Tage als allererstes Angst gemacht. Wildfremde springen auf die Schwangere zu und rufen, während sie panisch mit den Händen in der Luft wedeln: „Keine Rohmilchprodukte! Keine Rohmilchprodukte!“
Zu den Rohmilchprodukten gehörten angeblich Mozzarella und Feta.
Und was, wenn ich als Schwangere, aber nun einer Tomaten-Mozzarella-Gier anheim falle? Da werden die Panikmacher streng: „Keine Rohmilchprodukte! Übe Verzicht!“
Und würden wir in einem urtümlichen Dorf in den italienischen Alpen leben, in dem es keinen Supermarkt gibt und jeder seinen Weichkäse selber klöppelt, hätten die Angstmacher auch Recht. Aber wir leben ja 2010 in einem Industrieland und hier wird so gut wie nix mehr aus Rohmilch gemacht – und wenn, muss es laut und deutlich gekennzeichnet sein.
Auch Supermarkt-Mayonnaise darf jede Schwangere essen, gewarnt wird lediglich vorm Verzehr selbstgemachter Mayonnaise mit nicht mehr frischen Eiern. – Die würde ich ja auch unschwanger nicht essen.
Was ich noch nicht eindeutig geklärt habe, wie’s mit Weißweinsoße aussieht. Ich tendiere allerdings zu „Ja, darf man essen. In Maßen usw. usf.“

Aber die Ernährungsängste sind ja nichts, im Vergleich zur Angst, die einem vor Katzen gemacht wird.

Als ich meiner Friedrichshainer Frauenärztin im vergangenen Winter von Fs und meinem Vorhaben, die Pille im Frühjahr abzusetzen, berichtete, überschüttete sie mich mit Angst. Sie sprach ausführlich von offenen Rücken, der häufigsten Missbildung bei Neugeborenen. „Das tritt bei einer von 1000 Geburten auf! Ganz schlimm, Frau Gruen, sowas will man nicht erlebt haben!“. Erging sich in monströsen Beschreibungen möglicher Entstellung in Folge einer Rötelninfektion während der Schwangerschaft – und ach ja:
„Haben Sie eine Katze, Frau Gruen?“
„Sogar drei.“
„Iiihgitt.“
Ich sollte mir ernsthaft überlegen die Tiere wegzugeben. „Zum Wohle Ihres ungeborenen Kindes!“
Katzen machten nicht nur unwahrscheinlich viel Dreck und haarten der Menschheit die Lungenflügel voll, nein, sie würden auch noch den Schrecken aller Schwangerschaften verbreiten: DIE TOXOPLASMOSE!

Ich will gar nicht wissen, wie viele Katzen schon im Tierheim gelandet sind, wegen inkompetenter Vollidioten wie diesem Besen von Frauenärztin.

Die Toxoplasmose jedenfalls ist eine parasitäre Erkrankung, die durch rohes Fleisch, ungewaschenes Obst&Gemüse, Gartenarbeit und, im Falle einer akuten Infektion der Katze, durch Katzenkot übertragen werden kann. Bei gesunden Menschen verläuft die Toxoplasmose in der Regel symptomfrei, allerhöchstens zeigen sich leichte Grippesymptome. Im Falle einer Infektion während der Schwangerschaft kommt es laut Statistik meiner neuen Frauenärztin bei 50% zu einer Infektion des ungeborenen Kindes, was bei Nichtbehandlung der Mutter zu Fehlgeburten oder Missbildungen am Fötus führen kann.

Zur Toxoplasmose gibt es viele geschätzte Zahlen, aber wenig genaue, vieles was man im Internet findet widerspricht sich gar. Was sicherlich schon zu vielen Missverständnissen und Katzen in Tierheimkäfigen geführt hat.
Man schätzt (!) – wobei nicht bekannt ist, wie alt diese Schätzung ist – dass 70% aller Hauskatzen im Laufe ihres Lebens sich mit dem Toxoplasmose-Parasiten infizieren. Von dieser Schätzung unbedacht bleibt der Umstand, dass es heutzutage immer mehr Wohnungskatzen gibt und deren Infektionswahrscheinlichkeit gleich null ist.
Im Deutschen Ärztblatt stellt Uwe Groß nüchtern fest, dass in Mitteleuropa nur gerade mal in einem Prozent der Katzenkotproben die ansteckenden Oozysten nachweisbar waren. Somit, folgert er, stellt nicht die Katze die hauptsächliche Ansteckunsquelle dar.
Die Tierärztin Dr. Gisela Jöhnssen schreibt: „In Mitteleuropa sind 20-90% der Katzen Antikörper-positiv, haben sich also in ihrem Leben bereits mit dem Erreger auseinandergesetzt.“ – 20-90%. Ernsthaft?
Kurios finde ich auch diesen Satz des Bundesinstitutes für Risikoberwertung: „Schätzungsweise ein Drittel aller Menschen ist nachweislich mit dem Erreger Toxoplasma gondii in Kontakt gekommen.“
Ja, es gibt viel Kurioses rund um die Toxoplasmose zu lesen.

Neuerdings meinen manche Wissenschaftler sogar Toxoplasmose verursache Konservativismus bei Männern und bei Frauen steigere sich durch den Parasitenbefall die Intelligenz, sie würden dynamischer und unabhängiger.
Manchmal verursachten die Parasiten aber auch Autounfälle und ganz allgemeinen Irrsinn, wie Depressionen, Schizophrenie und Psychosen. In jedem Fall schädigte Toxoplasmose die Volkswirtschaft.
Ja, eigentlich müsste man überlegen die gesamte Menschheitsgeschichte umzuschreiben, denn der Verdacht liegt nach diesen Erkenntnissen nahe, dass Hitler einfach nur ein bisschen zu viele Mettbrötchen gefuttert hat bzw. zu viel ungewaschenes germanisches Gemüse, und also in Folge der Toxoplasmose erst psychotisch, dann größenwahnsinnig mit der Tendenz zur Gruppenbildung und zum Schluss schizophren geworden ist.
Wobei man allzu viel auf diese Forschungsergebnisse wiederum auch nicht geben sollte, denn sie finden vor allem bei „Welt der Wunder“ und missionarischen Vegetariern Verbreitung. Und vermutlich im Kopp-Verlag.
Das Robert-Koch-Institut jedenfalls weiß nichts von derartiger Symptomatik. Überhaupt sind die vom RKI hübsch unaufgeregt und geben sinnvolle Tipps wie man eine Ansteckung vermeiden kann. Katzen werden dort übrigens nur untergeordnet als Überträger aufgeführt und nirgendwo wird behauptet die Katzen müssten weg. Der Hauptübertragungsweg ist unzureichend gegartes Fleisch.

Und ich also, schwanger, mit Katzen und der Bluttest sagt „Toxoplasmose negativ“.
Außer Angst vor einer Infektion hatte ich seinerzeit keine Informationen von meiner alten Ärztin erhalten. Nur das sichere Gefühl, dass keine meiner Katzen ins Tierheim käme und es unrealistisch wäre, dass ich die Katzis weniger herzen und beschnubbeln würde. Schon alleine weil es meinem seelischen Gleichgewicht abträglich wäre, was wiederum für Baby auch nicht gut sein kann. Und F, der 40 Wochen alleine die Katzenklos sauber macht, das ist schon eine feine Vorstellung.
Aber dennoch darf man nicht vergessen, ich bin nicht nur Katzenliebhaberin, sondern auch Hypochonder und Hypochondrie bekommt in der Schwangerschaft ganz neue Dimensionen.
Inzwischen habe ich also eine neue Frauenärztin und die fragte mich 1. ob die Katzen denn raus gehen würden, weil wenn sie das nicht tun und ich sie nicht mit rohem Fleisch füttere (was ich seit Muckis Tod eh hoffnungslos vernachlässigt hatte), gibt es keine Möglichkeit, dass die Katzen akut infiziert seien und also besteht keinerlei Gefahr. 2. erfolgt eine Infektion über die Katze ausschließlich, wenn ich Katzenkot runterschlucke, der mindestens älter als 24, eher 48 Stunden alt ist. 3. sind die Katzen nach einer Infektion nur eine kurze Zeit (ca. vier Tage bis zwei Wochen) ansteckend, es ist also nicht so, dass eine Katze ein Leben lang infektiösen Kot ausscheidet. Und 4., so entnahm ich einem Info-Blatt von der neuen Ärztin, rechnet man bei 0.2 – 0.8% der Schwangeren (weltweit? auf Deutschland bezogen? steht da nicht) mit einer primären Infektion, wobei es nur bei der Hälfte der Fälle überhaupt zu einer Infektion des Kindes kommt.

Und nun frage ich dich, liebe Menschheit, wie konnte es soweit kommen, dass den Schwangeren eingeredet wird, sie müssten ihre Katzen abgeben?
Es gibt da ja noch eine ganze Reihe solcher Mythen. Angeblich würden Katzen sich bösartig verändern, spätestens, wenn die Schwangere einen dicken Bauch bekommt. Und aber allerspätestens wenn das Baby da ist, müsste man die Katzen entsorgen, weil Katzen legten sich ja aus Eifersucht auf die Gesichter der Babys um sie zu ersticken. Überhaupt, aus hygienischen Gründen und weil die Kinder doch sonst allergisch würden.

Einmal habe ich miterlebt, dass eine Schwangere meinte ihr Kater sei nun aber wirklich aggressiv gegen sie. Der gucke auch immer so hinterlistig auf ihren Bauch.
Tatsächlich war das Kerlchen weniger umgänglich. Was aber sicher nicht daran lag, dass das Tier irgendeine magische Abneigung gegen Schwangerschaften hatte, sondern im Verhalten der Halterin begründet war: Aus Angst vor Keimen strafte sie den Kater mit Nichtachtung und Ablehnung. Bei Einzelhaltung in der Wohnung war er völlig sich selbst überlassen und wenn er seinem Unmut Luft machte, wurde er ins Bad gesperrt.
Er wurde dann noch vor der Geburt weggegeben, weil sie ihre Panik nicht in Griff bekam, der Kater würde dem Säugling die Augen auskratzen.
Da waren das Problem die Projektionen und unreflektierten Ängste der Frau, mitnichten das Katerchen. Und ich bin mir ziemlich sicher, bei näherer Betrachtung eines jeden Falles, von vermeintlich unerklärlich aggressiven/störendem Verhalten einer Katze, während der Menschenschwangerschaft würde man feststellen, dass die Menschen sich der Katze gegenüber – oft wahrscheinlich unbewusst – abwehrend verhalten.
Tatsächlich habe ich auch noch nie von dem Fall gehört, dass ein positiv eingestelltes Elternpaar mit Katzen und Baby Probleme hatte.
Im Gegenteil bin ich überzeugt, und so kenne ich das aus meiner eigenen Kindheit, dass es wunderbar und wichtig für Kinder ist, Tiere um sich zu haben. Und selbst wenn Baby mal laut brüllt und die Katzen entsetzt das Weite suchen; in einem umsichtigen Katzen- und Kinderhaushalt ist für alle genug Platz vorhanden, zum Rückzug und Ruhe finden ebenso, wie zum Toben und Krachmachen.

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9 Antworten zu Schwanger Toxoplasmose Angst

  1. Claudia Sperlich schreibt:

    Mir hat eine Tierärztin mal gesagt: Genaues wissen wir noch nicht, sollten Sie schwanger sein, ist es vielleicht besser, wenn sie sich nach dem Schmusen mit der Katze sehr gründlich die Hände waschen, ehe sie irgendwas Eßbares anfassen.
    So unhysterisch kann man sein: Wir wissens nicht genau, vielleicht ist es gefährlich, waschen Sie sich halt die Hände. Ach wenn doch alle so wären.
    Klar, ein Baby hütet man in besonderer Weise, auch vor Katzenkrallen und sich drauflegenden Katzen (die das übrigens nicht aus „Bosheit“ tun, sondern, wenn überhaupt, vermutlich – weils warm ist). Aber das kann man doch wohl leisten.

    • Lotta Gruen schreibt:

      Ich frag mich, ob die Menschen schon immer so hysterisch waren und wenn nein, wann das angefangen hat. Kann man’s den Massenmedien anlasten?

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Wahrscheinlich kann man.
        Massenhysterien hat es schon lange vor der medialen Vernetzung gegeben. Aber daß sie so alltäglich geworden sind, ist neu. Ich vermute auch, daß es mit der Vernetzung zusammenhängt.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Achso, und Weißweinsoße: Alkohol hat einen Siedepunkt von 78° C. Ich weiß aber nicht, wie schnell sich Alkohol in einer Soße tatsächlich verflüchtigt; vorsichtshalber würde ich sie auf kleiner Flamme einige Minuten kochen (geht erfahrungsgemäß problemlos).
    Mit Alkohol wäre ich wirklich extrem vorsichtig. Andererseits muß man auch nicht glauben, ein Kind wird gleich schwachsinnig, weil man in der späten Schwangerschaft einmal ein Glas Sekt trinkt.

    • Lotta Gruen schreibt:

      Was Alkohol und rohes/nicht durchgegartes Fleisch&Eier angeht, da bin ich strikt. Kommt mir nicht in den Leib.

      Gestern Abend bin ich dann aber mal wieder ernsthaft verzweifelt. Mich trieb die Frage um, ob ich ein bisschen Petersilie in die Suppe tun dürfe oder nicht. Irgendwo habe ich mal gehört, zu Urzeiten hätten die Kräuterweiblein das zur Abtreibung genutzt. Das Internet gab auch keinen Aufschluss, es war voll von wahnsinnigen und gefährlich halbwissenden Frauen wie mir.
      Gott sei Dank, habe ich in meinem Bekanntenkreis eine angehende Hebamme, die sich zufälligerweise auf Heilkräuter spezialisiert. Von ihr hab ich dann gelernt, dass Petersilie in der Schwangerschaft nicht schlimm, sondern gesund ist. Zwar kann es schon als Abtreibungsmittel genutzt werden, aber nur in Unmengen und es wirkt auch nur wenn man es – naja – unten einführt.
      Ich will gar nicht Teil der Hysterie sein, aber es fällt mir auch schwer mich davon zu distanzieren. Jessas.

      • Claudia Sperlich schreibt:

        Petersilie ist lecker und sehr gesund!
        Übrigens wurde sie in einigen Gegenden und zu einigen Zeiten als Aphrodisiakum genutzt, zu anderen Zeiten und anderswo, um das Keuschheitsgelübde besser halten zu können. Soviel zur tradierten Kräuterweibleinwahrheit.

  3. Claudia Sperlich schreibt:

    Und noch etwas. Freu Dich doch einfach auf das Baby. Die Wahrscheinlichkeit, daß es gesund, gescheit und wunderschön wird (das süßeste von allen), beträgt über 95%.

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