Krankenhäuser meines Lebens

Mit elf Jahren ging ich, nach einem Tag auf dem Reiterhof, nicht in die Badewanne, wie meine Mutter es mir zu befehlen versuchte, sondern rannte mit den Worten „Mach ich später.“ zur Haustür hinaus, in den nahegelegenen Park, um mit Freundinnen zu spielen.
Wir rannten und giggelten und sprangen und quiekten, später wollten unsere Familien zusammen grillen. Es war ein schöner Frühsommerabend. Bis ich irgendwann zu schnell rannte (ich war bis zu diesem Tag, und danach nie wieder, die Schnellste in meiner Altersklasse) und nicht stoppen konnte. Beim Versuch doch anzuhalten, drückte ich mein rechtes Knie so arg durch, dass es im Gelenk krachte und mein Unterschenkel nach vorne umknickte. Mit einem Schlag brüllte ich vor Schmerz.

Ich erinnere mich, wie meine Eltern geholt wurden, wie ich versuchen sollte aufzustehen, der Schrecken darüber, dass es unmöglich war. Wie mein Vater mich schließlich die Straße runter zu unserem Auto trug. Wobei wir an den großen Jungs vorbeikamen, die waren alle schon steinalte 15 und ich schämte mich sehr, als plärrendes Elend auf den Armen meines Papas an ihnen vorbeigeschleppt zu werden.
In der Notaufnahme weinte meine Mutter immer wieder: „Wenn ich doch nur auf dein Bad bestanden hätte…“ Mein Vater war ungewöhnlich blass und still.
Als es hieß, ich müsse für unbestimmte Zeit im Krankenhaus bleiben und operiert werden, wurde mir mulmig. Aber ich wusste damals noch nicht, dass soeben der Grundstein gelegt wurde für meine bis heute andauernde Krankenhausphobie. Befeuert und stetig angefacht von unfreundlichen Schwestern, eiskalten Ärzten, einem gravierendem Mangel an Empathie und allgemeiner Inkompetenz. – Blicke ich auf meine sämtlichen Notaufnahmen- und Krankenhausaufenthalte zurück, erinnere mich gerade an drei nette Schwestern und einen einzigen mitfühlenden Arzt.

Muss ich stationär in einem Krankenhaus bleiben, träume ich dauernd, ein Feuer bräche aus und ich würde ans Bett gefesselt sein und vergessen. Manchmal steht mein Bett an einem Fenster, in grobkörniger Dunkelheit kann ich sehen, wie Menschen sich unten auf der Straße versammeln. Ich bin nicht einmal fähig an die Scheibe zu klopfen, während durch die Zimmertür das Feuer herein bricht. Bevor die Flammen mein Bett erreichen, schrecke ich hoch.

In Friedrichshain gibt es das auf der Landsberger Allee das Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Sonderbarerweise hielt ich das anfangs für einen glücklichen Umstand. Immerhin, wenn mal was wäre…
Was Ernstes, Gott sei Dank, war aber nie. Dafür genügend kleinerer Zwischenfälle, die einen Besuch in der Notaufnahme veranlassten.
Man könnte unbedarfte Patienten des Klinikums damit erschrecken, dass Horst Wessel in den uralten Hallen des Klinkerbaus umhergeht, denn immerhin ist er dort verstorben. Aber ich glaube, selbst Horst Wessels Geist könnte nicht so schrecklich sein, wie die real existierende medizinische und menschliche Betreuung dieser Notaufnahme.
Ich war zu diversen Tages- und Nachtzeiten dort. Und ich habe noch nie ein derart sadistisches und gleichgültiges medizinisches Personal erlebt, wie in der Friedrichshainer Notaufnahme. Tatsächlich stehe ich mit diesem Empfinden nicht alleine da.

Und so war es an einem Augusttag vor drei Jahren, als mich eine Ärztin, die aussah wie Ursula, die Meerhexe, pro forma in die Notaufnahme schickte. Ich hatte ein bisschen Fieber und Bauchweh, das war ihr nicht geheuer und wie angenehm, das Krankenhaus ist ja gleich gegenüber des Ärztehauses. Was muss man da groß selber untersuchen – man überweist den Kränkelnden, in dem vollen Bewusstsein, dass dieser Mensch zwar eigentlich ins Bett gehört, aber unbestimmte Wartezeit auf Plastikschalenstühlen wird ihn wohl auch nicht umbringen.
Ich wusste, dass ich „Wartezeit mitbringen“ musste und freute mich als schon nach einer Stunden mein Name erklang. Eine junge blonde Schwester und eine mittelalte blonde Schwester riefen mich in einen kleinen Raum, sie begrüßten mich weder, noch fragten sie wie es mir gehe. Sie maßen meinen Blutdruck und rammten mir eine Kanüle in die Armbeuge, anschließend wurde ich wortlos wieder in den Wartebereich geschickt. Und da blieb ich dann. Im Wartebereich, mit der Kanüle im Arm. Für weitere sechs Stunden.
Als ich mich (wie ich später zu Hause maß) mit 39,8°C Fieber gegen 20:30 Uhr zu den Schwestern durchmogelte und fragte, wie lange es in etwa noch dauere, ich sei jetzt seit dem frühen Nachmittag da, es gehe mir nicht gut, aber auch nicht so schlecht, damit es für eine Notaufnahme reiche. Nur diese Kanüle in meinem Arm, deren Sinn verstünde ich nicht, und das tue verdammt weh und ich würde jetzt gerne gehen.
Daraufhin blaffte mich erst eine Schwester, dann eine völlig überfordete Ärztin an. Ich sagte immer wieder: „Ich verstehe, dass Sie unterbesetzt sind. Das ist sicher nicht leicht für Sie. Aber ich möchte einfach nur nach Hause. Bitte ziehen Sie diese Nadel auf meinem Arm!“
Es folgte eine zermürbende Diskussion darüber, dass es unverantwortlich von mir sei, wenn ich gehen wollte ohne untersucht zu werden. Ich antwortete, unverantwortlich sei es Fiebernde für Stunden warten zu lassen.
Leider sagte ich nicht: Es ist Körperverletzung und sadistisch, Patienten grundlos Venenkatheter zu legen und die Menschen dann über Stunden alleine und im Ungewissen zu lassen.
– Fast jedem Patienten wurde an diesem Tag eine Kanüle in den Arm gerammt; prophylaktisch und ohne, dass um Einverständnis gefragt oder der Sinn erklärt worden war.
Und ich sagte auch nicht, dass das Menschenbild, das auf dieser Station vom Klinikpersonal gepflegt wurde, einem Alptraum entstamme.

F stützte mich nach Hause, wo ich heulend aufs Bett sank und schluchzte, nie wieder und auf keinen Fall wolle ich je wieder in ein Krankenhaus.
Eine andere Ärztin, zu der ich Tags drauf ging, riss erstaunt die Augen auf. „Wegen Fieber und Bauchweh wurden Sie in die Notaufnahme geschickt?“ Sie grummelte was von, Fluch, der das sei, ein Ärztehaus direkt gegenüber vom Krankenhaus, reine Bequemlichkeit der Kollegen.
Meine rechte Armbeuge war länger blau und lila und grün und gelb als meine Krankheit dauerte.
Leider war dieses Erlebnis nicht mein Letztes mit dieser Notaufnahme in Friedrichshain. Aber das sind andere Geschichten.

Und heute wohnen wir wieder in Krankenhausnähe, diesmal ist es das Virchow-Klinikum. Ich bin gespannt, wann und auf welche Weise es in mein Leben treten und mir in Erinnerung bleiben wird.

Soeben erinnert mich F daran, dass er selbst darüber seinerzeit gebloggt hat: Ein Wort mit drei „ei“ – Zeitgeistscheiß
Damals bloggte er überhaupt noch viel. Aber ich will aufhören in Wunden zu stochern und darauf hinweisen, dass F sich in dem Artikel der politischen Dimension und den Folgen der Krankenhausprivatisierungen gewidmet hat.

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2 Antworten zu Krankenhäuser meines Lebens

  1. Steffi schreibt:

    Sechs Stunden Wartezeit ist echt derb. Ich war bis jetzt nur zwei Mal im Krankenhaus und beide Male hab ich eigentlich fast nur gute Erfahrungen gemacht.

    Beim zweiten Mal war ich nur kurz in der Klinik, weil ich im Kindergarten während der Ruhezeit über eine Kinderschublade gestolpert bin. Mein Fuß ist angeschwollen und ich konnte nicht mehr richtig laufen. Gegen 20 Uhr sind wir daraufhin zum Krankenhaus gehumpelt.
    Und dort hatte ich genau das gegenteilige Bild wie das, welches du beschrieben hast: Das Haus war riesig, die Gänge geisterhaft düster und leer. Wir schienen die einzigen Patienten zu sein und kamen auch nach ein paar Minuten gleich dran. Das längste war es, den Weg durch dieses gigantische Gebäude zu finden.

  2. Pingback: Die Necla und ihr Thilo | Ratlosigkeit und Katzen

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