Oh, wie schön sind die Rehberge

Was ich anderen und mir selber gerne in Erinnerung rufe, ist, dass Berlin ja in einem Urstromtal liegt. Bei mir beschwört das immer wieder Bilder von Dinos, Urwäldern und weiten grünen Ebenen herauf und einem reißenden Strom, um den herum das Urzeitgetier sich tummelt, aalt und röhrt.
Vor allen Dingen bedeutet es aber eigentlich nur: Sand.
Der berüchtigte märkische Sand.
Und eben dieser Sand ging den Berlinern nach dem Ersten Weltkrieg auf den Wecker. Man hatte in der großen Not nämlich sämtliche Bäume abgeholzt, die dort gestanden hatten, wo heute der Volkspark Rehberge liegt. Und weil die Bäume nicht mehr den grundbildenden Sand zusammenhielten, verwehte das Zeug dauernd. Der Feinstaubgehalt dieser Tage muss im Wedding mörderisch gewesen sein.
Ich stelle mir vor, wie eine Weddinger Hausfrau im Jahre der galoppierenden Inflation ihre Weißwäsche zum Trocken in den Hof hängt und sie beim Zusammenlegen entsetzt über den sandigen Schleier ist. Da hat sie den gesamten Samstag in der Waschküche mit Seifenlauge und Waschbrett gekämpft, hat Rückenweh, Schwielen, Blasen und aufgeplatzte Haut hingenommen und nun macht der Sand, diese Plage, alles zunichte. Und am Abend wird wieder der Mann schimpfen, dass Laken sei rau und kratze. Wenigstens ist der Scheuersand dieser Tage nie zu knapp und die Dielen glänzen.
Wann immer man sich ins Sacktuch schnäuzte, fand man ein Schnodder-Sand-Gemisch. Und aus den Krankenzimmern des Virchow-Klinikums drang das tuberkulöse Husten von Menschen mit Staublungen.
So mag das damals gewesen sein. Und das blieb auch so, bis im Laufe der 1920er Jahre die Arbeitslosigkeit explodierte. Daraufhin wurden Notstandsprogramme auf den Weg gebracht, um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen und vormals Arbeitslose wurden u.a. damit beschäftigt Parks anzulegen.
Von 1926 bis 1929 arbeiteten 1200 Menschen an der Entstehung des Volksparks Rehberge. Der spätere SPD-Politiker Fritz Rück bemerkte 1931 in seinem Buch „Der Wedding in Wort und Bild“ es sei die „…wohl die größte soziale und städtebauliche Leistung der letzten Jahrzehnte“ gewesen.

Wie wunderbar wäre es, wenn die Bundesregierung oder der Berliner Senat eine Neuauflage dieser Maßnahmen vornähmen. Man stelle sich vor, 1000 Arbeitslose, die anstatt sinnloser Bewerbungstrainings, Leiharbeit bei kriminellen Firmen und entwürdigender 1-Euro-Jobs, Parklandschaften gestalteten. Das Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhofs böte sich da an.
Ich stelle es mir überaus wohltuend vor, für Menschen, die tagtäglich mit den Gefühl kämpfen, überflüssig zu sein und sich von der arbeitenden Bevölkerung, den Medien und vielen Politikern als Schmarotzer beschimpfen lassen müssen, wenn sie etwas Schönes schaffen, das von Dauer und weithin sichtbar ist. Arbeit an der frischen Luft und mit Pflanzen mag eine anstrengende und mitunter widrige sein, aber letztlich ist sie auch immer zutiefst befriedigend.
Und für das Stadtklima wäre eine Wiederaufforstung, besonderes in Anbetracht der extrem heißen, trockenen Sommer, eigentlich unabdingbar.

Aber zurück in die Rehberge: An einem kalten Abend Ende März konnten F und ich die Rehberge das erste Mal erkunden. Es war schon dunkel und uns etwas mulmig. Wir witzelten erst noch, dass wir uns ja nicht verlaufen sollten und uns schlotterten kurzzeitig die Knie als wir glaubten nun sei es soweit. Ein feines Abenteuer!
Die Rehberge sind so anders als der Volkspark Friedrichshain. Viel größer und abwechslungsreicher und natürlicher und ruhiger.
Bekommt man auf den Friedrichshainer Wiesen an einem heißen Sommertag kaum seine Decke ausgebreitet vor lauter Grill-Gruppen und kiffender Studenten, hat man in den Rehbergen Platz satt und kann dabei noch wilde Karnickel und selten gewordene, einheimische Singvögel beobachten.

Immer wieder laufe ich mit einem fast verliebten Kribbeln in der Brust durch die Rehberge und denke: „Das ist mitten in Berlin!“ Ein Mutterstolz ergreift mich dann, wie ich ihn vorher nur von Friedrichshainer Orten kannte. Und eine glückselige Zufriedenheit, wenn es nach Harz, Waldboden und Blättern im Sonnenschein riecht oder dem herbsauren Geruch des Möwenteichs an heißen Tagen. Der Duft sonnentrockenen Grases, das mich an die Sommer auf dem Land zur Zeit der Heuernte vor 100 Jahren erinnert. Und das Zirpen der Grillen, fast ohrenbetäubend, während um meine nackten Füße trockene Halme kratzen. So weit das Auge reicht: Weißblauer Himmel, bauchige, im Gegenlicht der Sonne dunkelgrüne Wipfel und hügelweit der Boden gelb.
Nicht weit von mir hat ein älterer Herr seine Staffelei aufgestellt und skizziert eine der mächtigen Buchen.
Ein Tag, ein Ort, als fände man sich in einem Bild der alten Impressionisten wieder.

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9 Antworten zu Oh, wie schön sind die Rehberge

  1. Claudia schreibt:

    Was für eine wundervolle, liebenswürdige Beschreibung!

  2. Sebastian schreibt:

    Ja, wirklich! Als Fremder stelle ich mir Berlin immer so unglaublich trist vor, und die Vorstellung, die ich von der dortigen Natur habe, habe ich aus Martin Sonneborns Heimatkunde. Also im Wesentlichen denkt man da an graue Klötze in der Mitte und einen kargen Acker mit Autobahnwaldstückchek drumherum. Schön, wenn ihr auch solche Ecken dort findet. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich an Stuttgart zu schätzen gelernt habe, landschaftsmäßig kann man nicht meckern.

    Aber wie kommt es, dass man in den Rehbergen auch an Sommertagen seine Ruhe hat? Ist der Park soviel naturbelassener als der Volkspark, so dass das Grillen ungemütlicher wird?

  3. Lotta Gruen schreibt:

    Danke, ihr beiden, da freu ich mich sehr.

    Sebastian, Berlin ist sogar eine außergewöhnlich grüne Stadt!
    Aber du hast Recht, wenn ich an Heimatkunde denke, erinnere ich mich auch nur an Tristess. Ich weiß noch, wie ich beim Ansehen des Films dachte: Selbst die grünen Blätter wirken grau und trostlos.

    Fast jeder Stadtteil Berlins hat seinen eigenen Volkspark und alle Näse lang findet man „Geschützte Grünanlagen“ – was mitunter absurde Kleinstgrünflächen bezeichnet. Aber immerhin, dem Berliner Senat ist offensichtlich am Erhalt seiner Hundewiesen gelegen. 😉
    Und wenn wir uns aufs Fahrrad schwingen, dauert es kaum eine 3/4 Stunde, bis wir uns im schönsten grünen Nirgendwo befinden. – Ich glaube andernfalls würde ich auch eingehen. Als wir uns nach der neuen Wohnung umgeguckt haben, schnurrte das große Berlin plötzlich auf wenige Ecken zusammen, weil die obersten Prioritäten ein fußläufig erreichbarer Park und zentrale Lage waren.

    Und die Frage warum die Rehberge so ruhig sind, habe ich mir auch schon oft gestellt. Inzwischen bin ich zu folgenden Schlüssen gelangt: Der Volkspark in Fhain ist kleiner, zumindest kommt er mir so vor, und es gibt nur begrenzte Liegeflächen, auf denen sich dann alles ballt. Zudem grenzen an den Volkspark Prenzelberg und Fhain und das sind traditionell kinderreiche, aber gartenarme Familien beheimatet, die einen Parkplatz (höhö) für sich beanspruchen. Nicht zu vergessen, die Stundenten und DINKs, die dauernd Joggen und Frisbees werfen müssen. Und die Hundehalter.
    Hingegen sind die Rehberge nur Einzugsgebiet eines einzigen Stadtteils und da auch eher am Rand gelegen. Sie sind umgeben von Kleingärten und Einfamilienhäusern, die haben also ihr eigenens Grün. Die eher sozialschwachen Anwohner haben irgendwie nicht so wirklich Interesse oder Zeit sich im Park umzutun.
    Was mich zugleich irritiert und freut: Die Jugend interessiert sich nicht fürs Sein im Park. Während es in anderen Berliner Parks regelmäßige Polizeistreifen, Vandalismus und Dealerei gibt, findet man davon nichts in den Rehbergen. Es ist wirklich ein Idyll.

  4. Sebastian schreibt:

    Aber die Jugend soll sich doch für das Sein im Park interessieren, so sie nicht gerade Big Big Girl-gröhlend umherziehen. Bei uns hängen die samt und sonders den ganzen Tag im Bahnhof rum, und ich frage mich, warum. 30 Meter weiter ist der Park.

    Unser Park, der Stuttgarter Schlossgarten, ist eh ein sehr komisches Gebilde. Im Grunde ist es eine lange Wurst, die sich durch die Stadt zieht. Und hier sind die Milieus streng aufgeteilt. Direkt vor unserer Haustür ist der untere Schlossgarten, ein Grillplatz, an dem sich die Trinker versammeln, drumherum dann Familien (wobei sich der Großteil am künstlich-hässlichen Max Eyth-See eintrifft), im mittleren Schlossgarten das frisbeewerfende Studentenvolk (was sind DINKs?) und direkt vor dem Landtag ist nie etwas los 😉 Für den Spaziergang zwischendurch ist das ganz nett, aber alles sehr, sehr künstlich, wenn man Natur will, muss man schon rausfahren (aber nicht mit dem Fahrrad, die meide ich eher – bin im Park immer auch sehr genervt von dem Verkehr).

  5. Lotta Gruen schreibt:

    DINKs sind Paare mit „double income no kids“ (solche Dinge lerne ich immer durch F und denke jeder andere kannte sie vor mir…).
    In Parks radle ich auch nicht so gerne. Ich mag die Vorstellung nicht, ein Störer zu sein. Aber ich bin gerade dabei das Rad als Verkehrsmittel (und nicht nur als Verursacher eines schlechten Gewissens bei dauerhafter Nicht-Benutzung) zu entdecken. Was für mich sehr aufregend ist, denn ich finde Straßenverkehr ist generell eine Zumutung. – Aber ich mache Fortschritte.

    Ja, wenn ich die schreckliche Sing-Jugend von neulich in den Rehbergen angetroffen hätten, wäre mir das auch nicht Recht gewesen. Die hätten ja die Vögel und Kaninchen gestört und hinterher dort ihren gesammelten Müll liegen lassen. Außerdem wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den Rehbergen in einen Hundehaufen fassen würden nicht sehr hoch gewesen.

    Aber es gibt auch vereinzelt Jugend in den Rehbergen. Am Sonntag z.B. beobachteten wir, wie vier ca. 19jährige sich bemühten auf eine Platane zu klettern, um dort schlicht zu sitzen. Die jungen Menschen waren im Klettern nicht sehr geübt und hatten sich zudem eine undankbare Platane ausgewählt. Ich fürchte, beim Hinabklettern sind einige Knöchel gestaucht und Bänder gedehnt worden.

  6. Steffi schreibt:

    Ich bin die Freundin von Sebastian und will zu „unserem“ Park noch sagen, dass da das schöne ist, dass ich morgens vor der FH oder sonstigen Terminen noch ein paar Stationen spazieren gehen kann, wenn ich dazu Lust habe.
    Aber darüber hinaus ist er halt nicht so spannend, weil sich einfach nichts dort verändert. Und wegen der Form (eines Schlauches) kann auch durch die Wegwahl keine große Abwechslung zustande kommen .

    Wir haben jetzt jedoch entdeckt, dass quasie hinter dem Haus ein Park liegt, den wir so noch gar nicht wirklich erkundet haben. Ich glaube, der ist auch ein bisschen naturbelassener. Vielleicht ähnelt der ein bisschen den Rehbergen. Den werden wir demnächst mal erkunden.

    • Lotta Gruen schreibt:

      Hallo Steffi, schön, dass du auch her gefunden hast. 🙂
      Das Schöne ist ja, wenn man neue Parks erkundet, dann scheinen die noch so viel größer. Fällt mir jetzt allmählich immer mehr auf: Die Rehberge sind zwar umfangreich und schön, aber so magisch und riesig inzwischen nicht mehr…

  7. Steffi schreibt:

    stimmt, das kenn ich auch. Wir waren vor urzeiten schon einmal in diesem Park und ich weiß noch wie ich mir vorkam wie in einem Urwald, zumindest an manchen Stellen.
    Noch extremer ist aber der Effekt, wenn man als Kind eine Gegend erkundet hat, und genau diese Gegend später wieder aufsucht. Als Kind habe ich auf Spaziergängen mit meinen Eltern die direkte Umgebung dort (Park und Wald) kennen gelernt und das war für mich ein riesiges Gebiet. Als ich dann den Hund hatte, dachte ich :“ So und jetzt lauf ich all diese ewig langen Strecken ab. Gut, dass ich bescheid weiß wo es lange Touren für Gassis gibt…“ Als ich dann feststellte, dass ich nach einer viertel Stunde schon aus dem „´großen, tiefen Wald“ draußen war, war das ein großer Aha-effekt. Schon wahnsinn wie verzerrt die Wahrnehmung sein kann.

  8. Steffi schreibt:

    Wir waren jetzt in dem „neuen“ Park.
    Welch Urwald das doch ist im Vergleich zu dem anderen.
    Gut dass wir ihn wieder für uns eingenommen haben.

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