Wahres Blut und verrückte Männer

Neulich standen F und ich vor der Wahl die 4. Folge der 3. Staffel von True Blood zu gucken oder die 2. der 1. Mad Men-Staffel.
Und obwohl True Blood Alexander Skarsgård hat und viele tollen Charaktere und Alan Ball, entschieden wir uns für Mad Men, deren Qualität wir nach dem Piloten noch nicht wirklich abschätzen konnten und deren Cast uns noch nichts ans Herz gewachsen war.
Zugegeben, es sind zwei vollkommen unterschiedliche Serien, was es vermutlich schwer machen sollte, sie zu vergleichen, aber weil sie gerade in meinem Inneren um meine Aufmerksamkeit konkurrieren, vergleiche ich sie trotzdem. Auch wenn ich von Mad Men bisher erst sechs Folgen gesehen habe, von True Blood aber schon 27.

Aber, ach, True Blood.
Die erste Staffel fand ich großartig. Besonders toll die Mutter-Tochter-Beziehung von Lattie Mea und Tara. Die Abgründe und der Wahnsinn einer alkoholkranken Mutter und ihrer co-abhängigen Tochter. Aller Fantasy-Elemente zum Trotz waren die Figuren glaubhaft und interessant. Und Anna Paquin als Sookie Stackhouse zwar schon nervig, ein bisschen, aber irgendwie erträglich, noch ganz süß und nicht so furchtbar frisiert wie in der 2. Staffel. Außerdem: Der Rest war spannend und die übrigen Figuren passend besetzt.

In der zweiten Staffel hat mir die „Fellowship of the Sun“ sehr gut gefallen und Michelle Forbes als böse Mänade Maryann war eine wunderbare Idee. – Leider blieb sie nur das: Eine wunderbare Idee. Die True Blood-Macher bekleckern sich besonders in der zweiten Hälfte dieser Staffel nicht sonderlich mit Ruhm; Spannung wird unendlich aufgebaut, bloß um effektlos zu verpuffen. Und als wäre das nicht schlimm genug, war die Stylisten-Crew vom Bösen besessen und zauberte Abscheulichkeiten aus Haar und Schminke auf die Köpfe und in die Gesichter von Anna Paquin und Stephen Moyer. Sogar im Imdb-Board zu True Blood baten Fans man möge doch Bill endlich wieder schön aussehen lassen, es sei ja nicht zum Aushalten sonst.
Sowohl die Auflösungen für die Fellowshiper als auch Maryanns böses Treiben empfand ich als unbefriedigend und lieblos.

Wenn ich mir Six Feet Under angucke, dieses Meisterwerk aus Charakterentwicklung, psychologischer Glaubhaftigkeit und dem besten mir bekannten Serienende, frage ich mich, wieso Ball ausgerechnet bei True Blood landen musste und wenn schon, wieso er seine Hauptdarstellerin als blondierten Holzhammer mit unechtem Lächeln und falschem Südstaatenakzent besetzen ließ.

Ich glaube der Serie nicht, dass sich ein uralter Vampir, wie Eric Northman, ausgerechnet zu einem überdrehten Blondchen hingezogen fühlt, das einen Hang zum Moralisieren hat und deren sexuelle Ausstrahlung so subtil wie ein Nasenfurunkel ist.
Und das ärgert mich.
Auch, dass sich hier mal wieder nicht getraut wird eine funktionierende Paarbeziehung wachsen zu lassen, sondern lieber das ausgelutschte „Sie kriegen sich, sie kriegen sich nicht“ inszeniert wird. Immer ist es das Gleiche: Bill jammert, er muss zu Sookie, Sookie jammert, sie muss zu Bill. Haben sie sich, tritt sofort irgendeine Widrigkeit ein, weswegen sie sich wieder trennen müssen. Schon geht das Ganze von vorne los.
Und ich bin jedes Mal froh, wenn die Szenen um die beiden Hauptdarsteller vorbei sind und die Handlung sich wieder bei Lafayett oder Jessica oder Andy Bellefleur einfindet, die allesamt so viel charmanter und interessanter sind. Und dieser Figuren wegen, werde ich den Quatsch dann wahrscheinlich doch weiter gucken und hoffen, dass Eric Northman, der Wunderschöne, irgendwann wieder aufhört wie eine Karikatur seiner selbst zu wirken.
Und vielleicht besinnen sich die True Blood-Macher, dass nicht eine Unzahl Charaktere eine Geschichte stark macht, sondern ein fester Kern, der liebevoll und glaubhaft ausgestaltet wird.

Dagegen Mad Men. Die Serie geriet zufällig durch einen Blogeintrag von kalliopeberlin wieder in mein Blickfeld. Und das passte gut, denn derzeit mangelt es uns an Serien, als wir zuletzt auf Mad Men aufmerksam geworden waren, hatte es uns an Zeit gemangelt.

Bei Mad Men jedenfalls gibt es keine Holzhammer, keine überhitzten Südstaatler und Fantasiefiguren, hier herrscht kühle Verzweiflung in den heilen 60er Jahren der oberen Mittelschicht bis Upper Class New York Citys. Hier rauchen sie und saufen von früh bis spät und es gibt nicht einen Ort an dem eine der Figuren ehrlich sein darf, nicht einmal, ja vor allem nicht gegenüber dem Ehepartner. Der Betrug fängt nicht erst an, wenn ein Mann seine Geliebte aufsucht, der Betrug, das Simulieren von Sein, das Als-Ob-Leben beherrscht alles.
Und wenn die Frau zu ihrem Mann sagt, sie wolle sich lieber umbringen, als alt und häßlich zu werden, da entgegnet er, wenn sie die ersten Anzeichen von Alterung zeige, würde er sie auf einer Eisscholle aussetzen – woraufhin beide lachen.
Hier wird ein beklemmendes Bild der us-amerikanischen Gesellschaft gezeichnet, das besonders im kalten Krieg als Ideal für die ganze Welt hochgehalten wurde.
Micky Mouse und Coca Cola, Lucky Strike und Nylonstrümpfe. – Darüber hinaus nichts, als Bindungsunfähigkeit, Betäubung und der Vorwurf wenn einer versucht sich seines Unglücks zu entledigen. Die Menschen dieser Gesellschaft sprechen einander und sich selbst jedes Recht ab authentisch zu sein.

Das macht die Sendung in meinen Augen so interessant: Zu sehen, wie lange und auf welche Weise sie es ertragen können oder ob sie nicht vielleicht doch ausbrechen. und das Wissen, das war so und ist heute noch vielfach die Realität. Der Wahnsinn der Normalität. Über genau solche Menschen hat Arno Gruen sein wichtiges Buch über Realismus als Krankheit geschrieben, seine grundlegende Studie zur menschenlichen Destruktivität.

Und dafür liebe ich das Medium Serie, wo in einem Film nach höchstens drei Stunden Schluss ist, kann sich eine Serie Zeit nehmen, Entwicklungen verfolgen, Konsequenzen darstellen und komplexe Figuren agieren lassen.
True Blood verlässt sich – so scheint’s mir – inzwischen mehr auf das Äußere seiner Darsteller und Sex, verliert sich dabei im Fantasy-Gedöne und viel zu vielen neuen, immer verrückteren Gestalten; während Mad Men auf eisigen Realismus und einen festen Darstellerkern setzt.
Unter dem oberflächlichen Geplänkel der Figuren offenbart Mad Men Abgründe, die mir Schauer über den Rücken jagen. F sagte, das könne man auf Dauer ja nicht gucken, da würde man ja depressiv von – und meinte das Kompliment.
Schön, endlich mal wieder eine Sendung gefunden zu haben, die ihre Geschichte und die Figuren ernstnimmt – und nichts mit Mysteriösem oder Mordfällen oder Krankenhäusern zu tun hat.

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4 Antworten zu Wahres Blut und verrückte Männer

  1. seriengucker schreibt:

    Wenn ihr gern Serien aus den USA schaut (im Original hoffe ich mal? :-), dann kann ich ja aufs wärmste auch noch „The Wire“ empfehlen. Fünf Staffeln harter Tobak aus Baltimore, ganz famos!

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Ja, wir schauen im Original. 😉 Man würde außerdem verrückt vor Wartezeiten bis mal eine anständige Serie eingedeutscht wird und dann noch der grauseligen Programmpolitik deutscher Privatsender ausgesetzt sein – nein danke, darunter habe ich bis zum Jahr 2005 genug gelitten.
    Und obwohl ich der Meinung bin, es gibt großartige deutsche Synchronsprecher und auch nie so radikal im verdammen deutscher Synchros war, kann ich heute tatsächlich keine synchronisierten Serien mehr gucken. Aus Gründen der kuriosen Unterhaltung hab ich mal bei Youtube HIMYM-Ausschnitte in der deutschen Fassung angeguckt. – Geht ja gar nicht! Das wirkt so billig und schlecht.

    Und danke, für den The Wire-Reminder. 😉

  3. AnnaNymous schreibt:

    Ich mag dich. Es ist nett, endlich mal wieder einen von den Blogs gefunden zu haben, bei denen man am Ende vom Beitrag dieses schöne kuschelwarme Gefühl hat, dass es sich beim Verfasser doch tatsächlich um einen wirklich netten Menschen handeln könnte. Das findet man heutzutage so selten(Es scheint in Mode gekommen zu sein, sich hinter Zynismus und Verachtung zu verstecken,und auch wenn die meisten Blogger sicher keine kaltherzigen Maschinen sind,zeigen sie das einfach zu selten!)! Deshalb vielen,vielen Dank!

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