Von Hähnen und Krähen, Ändern und Mist

Nun bin ich wieder daheim. Froh von Katzen empfangen zu werden, die wohlgenährt und ärztlich versorgt sind und ein festes Zuhause haben.
Denn einer Straßenkatze zu erklären, dass sie nun aber gefälligst die Leckerlies futtern soll, in die ich eine Wurmkur geschmuggelt habe, ist noch schwieriger als vertrauten Katzen mit Medis zu kommen.Völlig unmöglich war es in diversen Apotheken eine Spot-On Wurmkur für den Nacken zu erstehen. Aber schließlich fraß die Katzendame, nach vielen Tricks und langem Schmusen, die Brocken mit dem Gift, das sie von der Wurmplage befreien sollte. Was es hoffentlich auch tat.

Der Rückflug war ein Abenteuer, das vor allem aus Warten bestand. Es fing schon an, als ich, obwohl etwas spät, zum Check-In kam und niemand da war, um die, mit den Füßen scharrenden und Backen aufplusternden, Menschen abzufertigen.

Hinter mir stand eine Urlaubsgruppe aus drei Frauen; Mutter, Tochter und Tochterfreundin. Und als die Mutter in schwelgerischem Ton erklärte, was sie für einen schönen und rundum gelungenen Urlaub verbracht habe, patzte die Tochterfreundin: „Bin ich froh wenn ich endlich wieder in meinem eigenen Bett schlafe!“
So unterschiedlich können die Wahrnehmungen sein. Und das bringt mich dazu an zwei junge Elternpaare zu denken, die meinen Rückflug begleiteten.

Das erste Elternpaar war vielleicht nur ein Papa, der mit seiner Freundin und dem Söhnchen von ca. 2 1/2 Jahren verreiste. Der Kleine rief immer wieder: „Papa. Conny. Papa. Conny.“ Und die Frau hatte kaum Aufmerksamkeit für den Kleinen übrig, der Papa hingegen sehr viel.
Der Kleine war ein Entdecker. Mit seinen kurzen Beinchen rannte er über den spiegelnden Boden der riesigen Abfertigungshalle im neuen Flughafen Malagas.
Die Großen ließen den Kleinen die Welt entdecken, behielten ihn im Blick und wenn der Vater feststellte, dass der Kleine nach ihm rief, ging er zu ihm und hob ihn hoch, wirbelte ihn herum, setzte ihn auf seine Schultern. Wenn der Kleine aber lieber wieder rennen und entdecken wollte, ließ der Vater ihm die Freiheit.
Der Kleine greinte nicht ein einziges Mal und weder Papa noch Conny schimpften mit dem Jungen, sie wirkten alle drei entspannt und respektvoll. Selbst als es nach der Landung in Berlin noch Probleme am Gepäckband gab und das Warten immer nervenaufreibender wurde, ließen die Erwachsenen eventuelle Frustration nicht an dem kleinen Menschen aus. Obwohl das in unserer Kultur ja ein gängiger Brauch ist.

Und dann gab es noch dieses zweite Elternpaar. Das erste Mal fielen sie mir auf, als man mal wieder wartete. Das Boarding sollte eigentlich schon begonnen haben, aber das tat es nicht. Inzwischen scharrte niemand mehr mit den Füßen, man hatte sich kollektiv ergeben, blicke allenfalls ratlos auf die Uhr und schüttelte matt den Kopf.
Ein junges, attraktives Paar schwebte mit seinem kleinen Töchterchen von vielleicht 1 1/2 zu den übrigen Wartenden. Die Mutter steuerte sofort einen Sitzplatz an, der Vater ließ das Töchterchen noch ein bisschen das unsinnige Rollband untersuchen.
Wie süß, dachte ich. Und war nur ganz wenig verwundert, dass hier wieder die Frau reichlich desinteressiert an dem Kind war. Aufgeklärte Elternschaft, auch die Männer kümmern sich um die Kinder und so.
Und dieser Vater war auf den ersten Blick ebenfalls süß mit der Kleinen. Ich freute mich schon von liebevollen Eltern umgeben zu sein und verschwand schmunzelnd in meiner Lektüre. Nach einer Weile wurde ich abgelenkt von dem glucksenden Lachen des Renter-Bild-Leser-Paars mir gegenüber. Die Herrschaften sahen aus, als schnitten sie mit der Nagelschere die Graskante in ihrem Schrebergarten und stünden mit dem Zollstock an Nachbars Hecke um zu prüfen ob die vorgeschriebene Höhe eingehalten würde.
Und nun lachten sie so nett. Worüber? Über das kleine Mädchen.
Ach, dachte ich, waren sie auch so hingerissen von der liebevollen Vater-Tochter-Interaktion.
Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht genau sehen, was die Kleine und ihre Eltern machten. Bis die Mutter an mir vorbei rauschte. Die Kleine stand alleine und weinte, der Vater saß mit einem Freund einige Meter entfernt von seinem Kind und lachte herzhaft. Bösartig, wie mir schien.
Und nun begann fast alle Umsitzenden zu lachen. Über das kleine, alleinstehende Mädchen, das nicht mehr aufhörte zu weinen, während die Mutter abwesend war und der Vater nicht erreichbar in seinem Lachen über die kindlich Verzweiflung.

Ich musste an einen uralten Thread bei Urbia denken. Da hatte ausgerechnet eine Hebamme, die von den Urbia-Müttern als Institution angesehen wird, ein Video gepostet, in dem ein haltlos weinendes Kleinkind um die Aufmerksamkeit seiner Eltern kämpft, aber nur eiskalte Nichtbeachtung findet und das Auge einer Kamera. Die Hebamme und viele Urbia-Mütter fanden das zum Schreien komisch. Mir wird bis heute schlecht davon.

Später an der Gepäckausgabe stand die junge Familie hinter mir. Das Töchterchen saß in einem Buggy festgeschnallt und ruderte Halt suchend mit seinen Ärmchen. Die Mutter saß unsichtbar für ihr Kind auf einer Bank dahinter und sagte keinen Ton. Der Vater sprang den Koffer suchen. Die Kleine weinte ratlos, was die Mutter dazu veranlasste, genervt seufzend mit einer Hand den Buggy vor und zurück zu schieben.
Oh Wunder, das Kind beruhigte sich nicht.
Als die Mutter kurz in das Blickfeld der Tochter geriet, verstummte diese und streckte ihre Ärmchen der Mama entgegen. Die Mutter zurrte aber nur den Anschallgurt fester und mied den Blick in die Kinderaugen. Sie entschwand, den Vater zu finden, auf das er das Kinde übernehmen würde. Das tat er dann auch. Gab den Mädchen seine Freiheit zurück und ließ es laufen. Angezogen von dem Gepäckband, strebte die Kleine dorthin, erst ignorierte er das Tun des Kindes, dann plötzlich riss er sich hoch und stellte sie wieder neben die Mutter. Ein kurzer biestiger Wortwechsel zwischen den Eltern und der Vater ging. Mutter und Tochter blieben zurück. Die Kleine wollte wieder auf Entdeckertour gehen und watschelte schon los, da endlich nahm die Mutter das Kind auf den Arm: Mit harten Finger drückte sie die weichen Kinderarme, riss das Mädchen in die Luft und presste ihre Wut keifend zwischen ihren Lippe hervor.
Umstehende Menschen murmelten Zustimmung, die Kleine hatte es wirklich zu arg mit ihrer armen Mutter getrieben.

Wie froh war ich nach solchen Wahnsinn F in die Arme zu fallen, ihm von dieser Elternschaft des Grauens zu berichten und sicher zu sein, dass wir, wenn wir als einstige Eltern auch sicher nicht alles Richtig machen werden, wir dennoch niemals in die böse Falle aus Wiederholungszwängen und fehlgeleiteter uralter Wut tappen werden.

Zuhause wartete ein frischgebackener Zitronenkuchen und vier Katzen, die vor lauter Hitze ganz platt waren, sich aber dank Leckerlies auffrafften mich schmusig zu begrüßen.
Oder wie meine Großmutter einmal sagte: „Das Schönste am Verreisen ist doch das nach Hause kommen.“
Für mein Leben mit F und den Katzen stimmt das tatsächlich.

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