Das war noch zu Peseten-Zeiten

Anfang der 80er Jahre starb der Mann meiner Großmutter nach langer Krankheit. Sie war schon immer latent verrückt; hypochondrisch, depressiv, borderline-artig, kriegstraumatisiert. Und nach diesem Verlust drohte sie dem Wahnsinn vollends anheim zu fallen.
Das Wetter in der kleinen grauen Stadt mit den grünen Hügeln, in der meine Familie lebte, war vor 30 Jahren nach Art des alten Englands. Und meine Großmutter machte den Dauerregen und die tiefen Wolken gerne für ihre verrückten Gebrechen verantwortlich. Als es nicht mehr mitanzusehen war, schlug mein Vater vor: „H, warum fährst du nicht mal weg? Irgendwohin wo es warm ist, wo du den Kopf frei kriegst. Für länger.“
Und weil meine Großmutter nicht nur eine verrückte, sondern auch eine zähe Schrippe ist, fuhr sie schließlich in einen kleinen Ort an der Südküste Spaniens.

Das war 1982. Vier Jahre später lebte sie in einem Haus von dessen Balkon aus man bei klarem Wetter mit einem Fernglas die Afrikanische Küste sehen konnte. Hinter diesem Haus war ein Maultier angebunden, Bauern bauten Zuckerrohr, Tomaten und Kartoffeln an und um an den Strand zu gelangen, lief man auf schmalen Feldwegen. Von der anderen Seite des Hauses konnte man hinauf zu Hügeln voll Thymian und Kakteen wandern, ruhte sich im Schatten staubiger Olivenbäume aus und beobachtete das Sonnenbad von Eidechsen auf flachen Steinen.
Am Straßenrand kauften wir Wassermelonen, deren Saft uns die Kinne hinunter lief und auf den T-Shirts klebrige Flecken hinterließ. Meine Mutter verdrehte die Augen und seufzte.

Der Ort war klein, in seinem Kern verschlungen und die Spuren der Mauren waren weithin sichtbar. Ein winzig anmutender Leuchtturm ragte vor dem Strand zwischen Feldern, Steinen und Palmen in den Himmel.

Wenn mir langweilig war lief ich vor’s Haus und eine Traube Straßenkatzen und -hunde hing mir sofort am Hosenboden. Oder ich gab dem Maultier eine Mohrrübe.
In den ersten Jahren spielte ich mit spanischen Kindern. Wir liefen mit Spaniern die abgeernteten Kartoffelfelder ab, um übersehene Knollen für unser Abendessen zu sammeln. Niemals wieder schmeckten Kartoffeln besser.
Ich streichelte dem Muli über die Nüstern und lehnte meinen Kopf gegen seinen Hals.

Dann setzte der Bauwahn ein. In den 1970ern waren die ersten häßlichen Kästen für Urlauber gebaut worden, sie waren fünf/sechs Etagen hoch und hatten blaue Schwimmbecken in ihren Gärten. Auf den Böden der Schwimmbecken stand „Toto“, der Name des verantwortlichen Architekten.
Die paar Wohnkästen reichten für den Massentourismus nicht mehr aus. Auch der Feldweg den Strand entlang genügte den Ansprüchen nicht mehr, eine breite, befestige Strandpromenade musste her. Der uralte Leuchtturm wurde zu klein und von Wohnkästen umschlossen, der neue war riesig und fügte sich in die repräsentative Promenade.
Am einen Ende des Ortes entstanden Bars nach Ballermann-Art. Engländer und Deutsche zogen in Käseweiß an den Strand und nach drei Tagen schälten sich unappetitliche Hautfetzen von ihren roten Schultern. Sie tranken Cerveza und Sangria und lachten zu laut aus ihren weitaufgerissenen Mündern.

In kleinen Buden am Strand kostete Gambas al Pil-Pil 300 Peseten und die Tomaten, obwohl halbgrün und riesig, waren köstlicher als jede vollrote deutsche Supermarkt-Tomate. Die von mir in Deutschland mit Ekel verfolgten Oliven schmeckten in Spanien wunderbar.
Irgendwann spielte ich kaum mehr mit Jorge, Vanessa und Cesar, sondern mit Emma, Susan und Silke, Dominik und Anika. Die Urlaubsbekannten meiner Eltern hießen nun Ruby und Brian oder Gerd und Gabi.
Ab Ende der 90er Jahre war es nicht mehr möglich vom Haus meiner Großmutter aus die Schaumkronen auf dem blauen Meer zu sehen, dafür blickten wir nun auf trocknende Strandtücher und schmerbäuchige Männer, die auf ihren Balkonen standen, sich am Hintern kratzen und rülpsten. In den Thymianhügeln waren Luxusvillen entstanden.

Heute ist das Maultier lange fort, anstelle von Kartoffelfeldern sind Tennis-, Camping- und Parkplätze angelegt. Die Straßenkatzen wurden in der Mehrzahl vergiftet und vergast, vereinzelt von tierlieben Menschen gerettet.
Der Strand, dieses Hoheitsgebiet aus Werden, Vergehen und Unendlichkeit, sollte es illegalen Einwanderern aus Afrika nicht mehr möglich machen sich in europäischer Sicherheit zu wiegen. Also wurde er entweiht mit riesenhaften Starkstromlampen, deren eisige Grelle jeden Hauch eines romantischen Empfindens unmöglich machte.
Dicht vor dem Strand drängen sich die Betonburgen, als hätte die Menschheit vergessen dass Schönheit und Natur existieren.

Und heute sitze ich wieder hier, im Süden Spaniens. Gestern Nacht fiel eine Sternschnuppe vor mir ins Meer. Die Wirtschaftskrise hat ihr Gutes, die Riesen-Lampen sind derzeit nicht finanzierbar und also aus. Und der Bauwahn scheint für den Moment zumindest gestoppt. Halbfertige Ruinen und unbewohnte neue Häuser säumen die neuen Autobahnen an der Sonnenküste.
Vor über 24 Jahren war ich das erste Mal in diesem beschaulichen kleinen Ort, der heute eine unansehnliche Touristenstadt ist. Über die Jahre sind mir Erinnerungsberge und Zuhausegefühle gewachsen. Wenn ich in Deutschland bin, vergesse ich die Häuserwand aus hässlichen Kästen. In meiner Erinnerung kann ich immer noch mit dem Feldstecher auf dem Balkon stehen und schon vor dem Frühstück wissen, ob das Meer einen wilden Tag hat. Ich sehe das Maultier freundlich malmend vor mir und gehe in Gedanken lange einsame Spaziergänge am Strand entlang.

In den letzten Tagen habe ich mich immer wieder gefragt, ob dieser Ort überhaupt noch der Ort ist, in dem ich vor fast einem Vierteljahrhundert das erste Mal zu Besuch war, wenn kaum etwas noch so ist, wie es einmal war. Der Bauwahn der letzten zehn Jahre ist atemberaubend. Ich stehe da, wundere mich und vermisse.

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2 Antworten zu Das war noch zu Peseten-Zeiten

  1. rosa67 schreibt:

    Danke, dies ist so schön geschrieben. Und anrührend!

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Danke dir für deinen Kommentar. Das freut mich sehr. 🙂

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