Von Hinterhöfen und dem ihnen innewohnenden Krach

Die Nadine muss sich auch gerade damit auseinandersetzen – in einer neuen Wohnung, samt dazugehöriger Nachbarn, Licht- und Tonverhältnisse, heimisch zu werden.
Ich kann ihr da so vieles nachfühlen.

Just wurde sie also mit den neuen Akustikzuständen ihres Hinterhofes und den offenherzig zelebrierten Privatangelegenheiten der Nachbarschaft konfrontiert. Das wiederum rüttelte an meinen Erinnerungen. Denn unser ehemaliger Hinterhof, der hatte es in sich. Wenn ein Nachbar unten nur ein Püpschen machte, knallte uns das im Obergeschoss um die Ohren.
Eine gerne zitierte Erinnerung zwischen F und mir ist das Kind, das um die Nachmittagszeit mit sanfter Engelsstimme unablässig „Fuck you all. Fuck you all.“ intonierte. Ja, so war das in der Friedenstraße.
Aber ganz besonders brachte mir Nadines Erlebnis die Erinnerung an einen bestimmten Nachbarn zurück. Das war vor genau vier Jahren, als es 2006 diese unfassbare Hitzewelle hatte, der Herr Nachbar wohnte im Erdgeschoss, wir im Fünften ihm gegenüber und der Hall im Hinterhof war, wie gesagt, phänomenal.
Herr Nachbar entwickelte urplötzlich die Leidenschaft nachts ab drei oder vier Uhr Radio zu hören und dabei mitzusingen. Bei geöffneten Fenstern (es war ja heiß) und sehr, sehr laut. Kiss FM, einen Sender, der sich auf amerikanischen Gangstarap und die moderne Definition von R’n’B spezialisiert hat. Wie gesagt, dieser Mann sang mit, vorzugsweise die monoton leiernden Gesänge barbusiger schwarzer Frauen, die man in ihrer Barbusigkeit im Radio natürlich nicht sehen konnte. Der Mann war vielleicht vierzig und konnte nicht einmal mitleiern. Was ihn natürlich nicht davon abhielt es dennoch zu tun und zwar mit einer Inbrunst, die an einen dicken Tenor erinnerte.

F und ich standen aufrecht im Bett. Das Fenster zu schließen war unmöglich, es half aber eh nix.In der ersten Nacht erbarmte sich ein uns nicht näher bekannter Mensch. Wir hörten ein Am-Fenster-klopfen, dann Murmeln, der Mensch trug seine Beschwerde vor, dann das laute Antworten des Gescholtenen, er dürfe das, schließlich habe er Arbeit, habe denn auch der Herr Beschwerdeführer Arbeit? Also jedenfalls, er habe ja Arbeit und der Beschwerderich solle erstmal arbeiten gehen.
F und ich stöhnten, der Tag brach an, wir schimpften zwar vor uns hin und wünschten uns die mittelalterliche Praxis des Vierteilens zurück, aber eigentlich war es viel zu heiß um Gefühle zu empfinden, die über ein müdes Lächeln hinausgingen. Wir stellten uns bei Sonnenaufgang auf den Balkon und begossen uns mit unserer kleinen grünen Gießkanne. Die Abkühlung war marginal.

Dann kam die zweite Nacht. Es war so heiß, dass ich, dem Delirium nahe, überlegte wieso man denn diese Hitze nicht konservieren könne. Energieprobleme lösen und so. Vielleicht, wenn man irgendeine Art Superstein erfände, in dem die Hitze für ein halbes Jahr verschlossen bliebe und dann langsam abgegeben würde.
Ich versuchte F, der neben mir delirierte, meine Idee zu übermitteln, aber es kam nur ein mattes Flüstern aus meinem Mund, das weder er noch ich verstanden.
So verdämmerten wir die Nacht, bis eine grell-aufgepeitschte Radiomoderatorenstimme irgendetwas Schreckliches brüllte und die Beats eines beliebigen Chartbreakers einsetzten, begleitet von Nachbars Stimme.
Nun gerieten wir trotz Hitze in Rage und F stürmte nach unten. Gespannt horchte ich auf jedes Geräusch, das Klopfen am Fenster und Schimpfen von F. Der Nachbar brachte erneut seine Argumentation, er habe schließlich Arbeit. F ließ sich nicht beirren und ich ärgerte mich, dass nicht ich nach unten gegangen war. Mir war danach meiner Wut, meiner Empörung über diese Rücksichtslosigkeit Luft zu machen.
Arbeit, Arbeit, fluchte ich innerlich, glaubte der Wicht etwa, wer Arbeit habe dürfe alles und sei mehr wert als ein Arbeitsloser?! Damit hatte der Mensch auch gleich meine heimlich und trotzdem gehegten Sympathiepunkte verloren, die ich für jeden übrig habe, der Nachts nicht schlafen kann.
F kam wieder herauf, ich bestürmte ihn mit überflüssigen Fragen, schließlich hatte ich die gesamte Konversation mitangehört, und wir wälzten uns in rechtschaffener Empörung.
Immerhin war es still. Schlafen konnte ich trotzdem nicht.

Dann kam die dritte Nacht mit Nachbars musikalischer Untermalung. Kühler war es nicht geworden, stattdessen hatte sich in mir sämtliche Empörung, die ich je empfunden hatte wenn ich durch Geräuscheinwirkung vom Schlafen abgehalten worden war, zu einem brodelndem Wutbrei verkocht.
Ich hatte mir gewünscht, dass Nachbarchen wieder Krach macht.
In meiner Erinnerung greife ich zu Heugabeln, Molotow-Cocktails und Atombomben, in echt zog ich mich nur an und stürmte die gesamten 92 Stufen (F hat die mal gezählt) unseres Treppenhauses hinab, hinaus in die stehende Hitze zwischen den Hauswänden.
Ich machte es anders als F und der vorige Beschwerdemensch. Ich klopfte nicht ans Hoffenster. Ich klingelte. Sturm. Und dann schimpfte ich.
Was, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich gefalle mir in der Vorstellung als Racheengel mit Blitz verschießenden  Augen und vom Sturm umtosten Haar.
Ich wollte Rache für jeden Menschen auf der ganzen Welt, seit Anbeginn der Zeit, der nicht schlafen konnte, weil Krach ihn störte.
Ich glaube, der Nachbar hat die Autorität einer Frau gebraucht um endlich Ruhe zu geben. Vielleicht fand er in mir seine permanent scheltende Mutter wieder und er ergab sich dem Aggressor. Vielleicht wurde ihm nach drei verschiedenen Beschwerdeführern auch einfach klar, dass selbst Arbeit zu haben, keine ausreichende Entschuldigung für grobe Ruhestörung ist.
Danach blieb es jedenfalls still. Und ich war froh diese Chance der Wutentladung noch bekommen zu haben.

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