Ein Radiosender wie eine Klofußumpuschelung

Seit Wochen verfolgt mich die Berliner Zeitung mit Informationen über den sterbenden Berliner Radiosender „Radio Paradiso“. Und deswegen sitze ich dauernd da und denke: „Ach ja, Radio Paradiso.“

Radio Paradiso und ich haben eine Geschichte. Die fing an im Sommer 2002, als ich 19jährig ein paar Tage in Berlin verbrachte. Ursprünglich komme ich aus einer kleinen Stadt (nennen wir das Elend beim Namen: Wuppertal) und alleine das Sein in Berlin ließ die Augen meiner daheimgebliebenen Freunde vor Neid leuchten und mir die Brust schwellen. Berlin.
Ja, aber leider hatte ich nicht bedacht, dass eine große Stadt eine verdammt große Stadt ist und man, wenn man was erleben wollte, und das musste man ja, sonst leuchteten die Augen der Freunde hinterher nicht vor Neid sondern vor Häme, wenn man also was erleben wollte, musste man gehen. Mindestens. Manchmal auch laufen und nächtelang tanzen. Eigentlich.
Aber da war meine zwei Monate alte Knieoperation anderer Ansicht. Mein Knie und ich. Eine lange langweilige Geschichte, in der ein Spielplatzunfall mit 11 vorkommen, ein nach vorne geknickter Unterschenkel und eine rausgesprungene Kniescheibe, drei Operationen, ein andauerndes Krankenhaustrauma und viele Nächte mit Domian, Oliver Geissen und Bärbel Schäfer.

Jedenfalls, der Sommer 2002, Berlin und ich. Ach ja, und Radio Paradiso.
Damals kannte ich F noch nicht. Hätte ich F bereits gekannt, ich hätte Radio Paradiso nie entdeckt. Denn das war in einer heißen Julinacht, in der ich mein Knie mit Eiswürfeln in einem Gefrierbeutel kühlte. Draußen grummelte alter Donner, während ich mit einer kleinen Lampe auf der Ausziehcouch von Freunden lag. (Gar nicht weit von unserer heutigen Wohnung.) Eine typische Altbauwohnung Berlins mit gefühlten 93 Durchgangszimmern und Spaniern. Das ist irgendwie so, jeder WG-Haushalt hat Verbindungen nach Valencia und Barcelona – worum es hier aber nicht gehen soll.
Durch die Wand konnte ich gedämpfte spanische Stimmen hören und ab und an ein Poltern und Lachen.
Ich muss geseufzt haben in dieser Nacht, viel und oft, denn meine Freunde waren ausgegangen und mir war fad. Außerdem plagte ich mich wegen eines jungen Mannes mit grünen Augen und Lachgrübchen. Ich haderte ob ich ihn wohl liebte, lieben könnte, lieben wollte. Einerseits: Grüne Augen und Lachgrübchen. Andererseits: ?

Und weil das so schön war, so anheimelnd herzschmerzend, begann ich einen Brief an ihn. Hinterher waren es acht Seiten und ich fand mich sehr pointiert. Und weil sich ein achtseitiger Some-kind-of-Liebesbrief in einer schwülen Gewitternacht nicht einfach so schreiben lässt, hatte ich das Radio angestellt. Und da kam es zu mir oder über mich: Radio Paradiso. Ein Programm wie sein Name. Ich konnte jedes Lied mitsingen. Dieser Radiosender umpuschelte mich mit den Bangels, Cindy Lauper, Spandau Ballet, Paula Abdul und vor allem Roxy Musics (auf einen derart beschissenen Bandnamen muss man erstmal kommen!) Avalon.

Jetzt muss ich nochmal ausholen, denn es hat ja einen Grund, dass ich all diese Lieder und noch viel mehr dieser Art aus dem Effeff mitsingen kann. Ja, es gibt sogar eine Unmenge Lieder, von denen ich erst weiß, dass ich sie kenne, wenn ich sie ohne nachzudenken auswendig mitsinge. Das ist dann immer fast gruselig, zugleich erfüllt es mich aber auch mit albernem Stolz.
Meine umfangreichen Kenntnisse im englischsprachigen Schlagerpop verdanke ich indirekt der Familie Mohn. Denn weil meine Mutter sich in den Buchclub hatte schwatzen lassen, musste sie da dauernd was kaufen und irgendwie gerieten so sämtliche Kuschelrock-Sampler in unseren Besitz, obwohl meine Eltern die nie hörten. Aber meine Barby-Puppen sangen die Lieder playback, meine Freundinnen wollten die CDs ausgeliehen haben, später durchlitt ich Liebeskummer und erste Küsse zu den Liedern, ich schmierte mir mit Freundinnen Quark- und Heilerdematsch ins Gesicht und pustete meine dunkelrot lackierten Nägel trocken – und was Mädchen in den sorglosen, unpolitischen 90er Jahren sonst so machten.

Die 90er Jahre, da müsste man auch mal was drüber schreiben. Komische Zeit, damals.

Radio Paradiso jedenfalls wird jetzt dicht gemacht. Ooooh, macht es da in meinem Innern. Nie mehr Anstreichen mit F und Radio Paradiso. Nie mehr im schlimmsten Ton der Frustration beim erzwungenem Heimwerken: „Dann müssen wir wohl Radio Paradiso anmachen.“
Und meine Häme F gegenüber: „Wie das Lied kennst du nicht?! Das kennt doch j-e-d-e-r!“
Zum Schluss habe ich noch erfahren, dass Radio Paradiso ein  christlicher Sender war. Ich hab da nie was von gemerkt. Und gut, dass ich das erst zum Schluss erfahren habe. Andernfalls hätte meine mir eigene Verbohrtheit dazu geführt, dass ich mich beim schrecklichen Heimwerken nicht von den sanft vertrauten Tönen meiner alten Kuschelrock-CDs im Radiogewandt hätte trösten lassen.

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4 Antworten zu Ein Radiosender wie eine Klofußumpuschelung

  1. Frank schreibt:

    Die Familie Mohn hat einfach mal die Fäden in der Hand, selbst deine Pubertät haben sie manipuliert, die Schweine.

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Das hatte ja sogar schon zu Kindergartenzeiten angefangen! Ich verurteile und kritisiere das aufs Allerschärfste. Die Bertelsmann-Clique wird uns noch alle in den Untergang reiten. *grusel*

  3. Sebastian schreibt:

    Liz Mohn und Friede Springer sitzen tagtäglich bei Kaffee und Kuchen zu Radio Paradiso am Tisch und haben nichts anderes zu tun als GENAU DAS! Sehe gerade, dass duckhome inzwischen zu einem richtigen Portal geworden ist inkl. „Satire“-Sektion.

    Aber ein schöner Rückblick auf diesen Sender. Auch wenn mir jetzt das Alleinstellungsmerkmal des Senders da jetzt nicht ganz bewusst geworden ist. Ist es das, genau die fünf 80er Jahre-Hits zu spielen, die keine politische Botschaft hatten?

  4. Lotta Gruen schreibt:

    Die fünf Lieder stehen nur exemplarisch.
    Aber es waren nicht einfach 80er-Jahre-Hits – in den 80ern gab es doch auch Hits, die kein Schlagerpop waren. -Oder?! Oh Gott, da muss ich grad selber mal überlegen.
    Jedenfalls das Phänomen, einfach – egal wann man diesen Sender angemacht hat – immer kam mitsingbares Liedgut aus derselben Sparte. -Wobei das heutzutage sicher auch nicht mehr so besonders ist, aber 2002 fand ich das noch bemerkenswert. Da war ich noch zu sehr dran gewöhnt, wie auf heißen Kohlen vorm Radio zu hocken und zu denken: „So unbekanntes Lied, nun geh endlich vorbei, ich will, das jetzt eins kommt bei dem ich mitsingen mag!“

    Ich möchte aber nochmal betonen – ich bin mir unsicher geworden, ob das so rauskam – wir haben diesen Sender nur in ernsten Ausnahmesituationen gehört!!!1!
    Ich will ja nicht, dass hier hinterher noch der Eindruck entsteht, wir wären merkwürdig…

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