Medienkritik hier und da

Irgendwie typisch, ärgern tut’s mich dennoch: Am Montag las ich in der Berliner Zeitung einen Kommentar von Jan Thomsen zur Preisverweigerung von Judith Butler auf dem Christopher-Street-Day. Thomsen behauptet darin:

Die weltberühmte geschlechts- und machtphilosophische Abstraktionsgöttin Judith Butler hat den CSD-Preis für Zivilcourage abgelehnt, weil ihr der Berliner Christopher-Street-Day zu „kommerziell und zu oberflächlich“ erscheint.

Das ist falsch, da fehlt nämlich noch ein wichtiger und hauptsächlicher Teil ihrer Kritik. Und es wird auch nicht richtiger, wenn die meisten Medien es jetzt darauf herunterbrechen. Wie immer ist es ein Kopfschmerz verursachendes Trauerspiel mitzuerleben, dass treffsicher am eigentlichen Kern vorbei analysiert und diskutiert wird.

So wie sich Thomsens Kommentar liest, hat er sich nicht die Mühe gemacht zu recherchieren und anscheinend hat er es auch unterlassen sich abseits ausgetretener Pfade Gedanken zu machen. Für ihn ist klar, die Butler hat einen an der Waffel, ist eine Spaßbremse, politische Korrektheit ist schlecht und was nicht mehr politisch ist, ist normal und gut.

Tja nun, man mag über Butlers Werk denken was man will, bei ihrer Preisverweigerung hat sie aber nicht über Geschlechterkonstruktionen theoretisiert, noch hat sie behauptet Spaß sei schlecht.

Sie hat gesagt:

… Wir haben alle bemerkt, dass Homo-, Bi-, Lesbisch-, Trans-, Queer-Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen, d. h. kulturelle Kriege gegen Migrant_innen durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus. Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwule, lesbische, queer Freiheit beschützt werden muss und wir sind gehalten, zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrant_innen nötig ist, um uns zu schützen. Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal. …

Und damit trifft sie einen wichtigen Punkt. Wie man im neokonservativen Blog Gay West miterleben kann oder in rhizoms Analyse eines Reports der Berliner Homosexuellen-Zeitschrift Siegessäule nachlesen. Lesenswert auch: Zur Kritik der Ethnisierung antischwuler Gewalt am Beispiel Jörg Fischers
Und natürlich ist Butlers Kritik nicht neu oder überraschend, schon 2000 kritisierten linke Gruppen eben jene Behauptung, man könne türkischen Migranten homophobe Gewalt in die Schuhe schieben.

Und wo ich grad bei Medienkritik bin: Gestern las ich (natürlich, wie immer) in der Berliner Zeitung davon, dass der FAS-Journalisten Daniel Deckers schon länger über das päpstliche „Geheimdossier“ Bescheid gewusst habe. Deckers habe es aber nicht für nötig gehalten seine Informationen zu veröffentlichen. Bloß jetzt, da Mixa sich mit Hilfe der Springer-Presse rein waschen wollte, habe er es quasi veröffentlichen müssen. Aha. Auch nicht überraschend, aber wieder ärgerlich: Journalisten halten wichtige Informationen unter Verschluss und trauen sich dann auch noch das so unumwunden zuzugeben.

Und wenn es stimmt, dass der Papst den Mixa zum Rücktritt nötigte, nicht weil dieser ein Sadist und Kinderschänder ist, sondern vor allem weil er homoerotische Neigungen und die Sehnsucht nach Liebe offenbarte, dann, ja dann – bin ich darüber irgendwie auch nicht überrascht.
Die können den Mixa soviel schassen wie sie wollen, mit einem medial wild betrommelten Bauernopfer ändert sich nichts an dem System der katholischen Kirche.

Und zum Mixa nochmal ganz speziell, der Hinweis auf die aufschlussreiche Zusammenfassung und Kommentierung drüben bei Monoma.

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3 Antworten zu Medienkritik hier und da

  1. Frank schreibt:

    Fatal bei dieser merkwürdigen Mixa-Malaise find ich ja, dass es jetzt wieder bestimmt ein paar Vollkoffer gibt, die Pädophilie und Homosexualität in eine Ecke stellen werden – bewusst oder unbewusst. Da muss man Obacht walten lassen und, wenn ein Nahestehender das behauptet, im Zweifel auch mal zur Backpfeife als letztem Mittel zur Bekämpfung der Bräsigkeit greifen.

  2. Pingback: Lesen für das Gewitter « kiturak

  3. Pingback: Na also, warum nicht gleich so? « mädchenblog

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