Es liegt ein Fluch über dem Guinness-Buch

Die Berliner Zeitung setzte mich heute davon in Kenntnis, dass Daniel Peetz (natürlich darf die Altersangabe nicht fehlen: 28) in Rheinberg am Niederrhein (auch das ist wichtig) auf die Minute genau 58 Stunden und 40 Minuten gebügelt hat und somit den neuen Weltrekord im Bügeln hält. Extrabitter ist das nun für Eufemia Stadler (ohne Altersangabe, aber dafür aus der Schweiz), die sich bis dato das Krönchen des Weltrekords aufsetzen durfte.

Ich würde die Berliner Zeitung gerne fragen, warum sie das druckt. Gibt es nicht selbst für die Spalten der Vermischtes-Seite Interessanteres als das? Aber dann würde man mir sicher antwortet: 1. ist das eine dpa-Meldung, also beschwernse sich bei denen 2. Sie bloggen ja sogar darüber! Also bitte.

Abgesehen davon, dass es mir schon immer fremd war, mich bei Wettbewerben oder irgendwelchen Rekordhaltereien hervorzutun, befremdet es mich, dass das ausgerechnet im Bügeln angestrebt wird. Ich mein – hallo??? BÜGELN!!!1!
Das Guinness-Buch der Rekorde prüft übrigens noch, ob es den übermenschlichen Einsatz von Herr Peetz guten Gewissens in seine heiligen Seiten aufnehmen kann.

Diese Meldung ließ mich etwas ratlos zurück. Erst irrten meine Gedanken zu verschwommenen Videomitschnitten, auf denen dicke Japaner und US-Amerikaner Hotdogs in sich hinein schlingen. Von irgendwoher trägt mein Hirn die zweifelhafte Information: „Der Trick der Rekordhalter im Hotdogessen ist, sich während des Wettessens zu übergeben.“
Kurz rattern meine Gedanken zu dem wunderbaren Film „Stand by me“, auch dort wird ein Essenswettkampf zitiert, dieser sonderbare Brauch in dem sich Verschwendung, Größenwahn und Kleingeisterei die Hand geben.

Aber dann schließlich komme ich an, in meinen Gedanken: Ich bin 10 und esse mit C Käsesandwiches. Wir liegen auf dem Boden in ihrem Zimmer, auf dem Teppichboden sind Clowns und Elefanten. Bald, noch nicht jetzt, wird C der Teppich peinlich sein und sie wird mit ihrem Vater streiten, wann sie endlich einen neuen bekommt. Aber das wissen wir noch nicht. Wir baumeln mit den Beinen und ziehen genussvoll Käsefäden in die Länge. Vor uns liegt das große Guinness-Buch der Rekorde. Da ist ein Bild von einem riesigen Mann. Er guckt bekümmert, aber er ist 2,72 Meter groß.
Ich finde das Guinness-Buch großartig und spannend und ärgere mich darüber, dass wir sowas Cooles nicht haben. Ich ahne, mein Vater würde sich über das Guinness-Buch aufregen. Er würde sagen, was das für ein Quatsch sei, so wie er sich ägert, wenn ich „Eine schreckliche nette Familie“ angucke.

Erst viele Jahre später gelangt ein Guinness-Buch in meinen Hausstand, das ist dann schon mit F in der Friedenstraße. Aus dem Jahre 1986 ist dieses Exemplar gewesen und inzwischen haben wir es weggeworfen. Wobei wir uns nicht mehr erinnern können, wieso wir das getan haben.

Rainald Grebe singt „Es liegt ein Fluch über dem Guinness-Buch“. Dieser Satz, das erste Mal gehört, wirkte wie eine Erleuchtung. Denn es ist ja so wahr! Die einen, die man ins Guinness-Buch steckt, weil sie als kurios betrachtet werden, können sich nicht wehren. Und vermutlich ist es auch nicht immer einfach zu ertragen, von nun an vom Rest der Welt angegafft zu werden, wenn diese Lust verspürt sich zu gruseln.

Und die anderen, die auf Teufel komm raus unbedingt rein wollen, in dieses Buch, werden wohl ihr Lebtag schon von dem ungesunden Zwang heimgesucht sich beweisen zu müssen. Und sei es, in dem sie sich dadurch hervortun in einer Minute die meisten Haushaltsgeräte zu werfen.

Nein wirklich, glücklich wird man davon nicht.

Bild: sake028 (cc)

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2 Antworten zu Es liegt ein Fluch über dem Guinness-Buch

  1. Claudia schreibt:

    Mir ist auch immer fremd, daß Leute lange Wanderungen (soundsoviel Kilometer in soundsoviel Tagen) ins Guinness-Buch bringen.
    Ich wandere sehr gern und ausdauernd. Aber wenn ich das ins Guinessbuch bringen wollte (es wurde mir mehrmals vorgeschlagen, das zu veranlassen), müßte ein Protokollant mitwandern und aufpassen, daß ich nicht mogele. Die von mir geliebte Einsamkeit gäbe es nicht mehr. Und wozu das Ganze? Damit es hinterher die Welt weiß? Davon werden meine Erinnerungen nicht schöner.

    • Sebastian schreibt:

      Das wäre aber doch toll, zu sehen, wie weit es der Protokollant schafft. Und dann die Frustration, dass er als Unparteiischer nicht einmal mit ins Buch dürfte 😉

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