Patriotismuskritik, die unauffindbare

Meine dreieinachtel Leser werden es gemerkt haben, ich bin eher so das Gegenteil von patriotisch, tendiere mehr so in Richtung Nestbeschmutzer und Spielverderber.
Und jetzt diese WM, die mich wieder ständig damit konfrontiert, dass die – in diesem Fall nicht sonderlich schweigende – Mehrheit sich glücklich und enthemmt ins schwarzrotgoldene Gewühl wirft.
Egal, ob ich beim Zahnarzt, Frisör oder Tierarzt bin, überall sind die deutschen Nationalfarben schon da. Selbst bei Firmensommerfesten werden die Mitarbeiter angehalten sich mit nationalen Symbole auszustatten und müssen also, ob sie wollen oder nicht, ihre persönliche Einstellung zum Patriotismus kundtun. Und manche Dorfschule verschiebt für Deutschlandspiele extra den Unterrichtsbeginn.

Im Gegensatz zur WM 2006 habe ich in diesem Jahr das Gefühl, recht alleine mit meiner Kritik an dem ganzen Zirkus dazustehen.
Dabei hab ich überhaupt nichts gegen gemeinsames Fussballgucken in der Kneipe und schimpfe niemanden aus, der sich über einen Sieg der deutschen Mannschaft freut oder wegen eines Verlustes ein saures Gesicht zieht.
Tatsächlich erinnre ich mich auch noch gerne an die WM 1990, als ich siebenjährig, mit meiner Familie in Spanien, in einem Gartenlokal bei salzigem Popcorn, das Elfmeterschießen verfolgte. Und vor Aufregung immer wieder aufsprang und um unseren Tisch herumhopste.
Oder 2002, als ich frühs mit A den Fernseher anmachte, damit wir Schmachtlaute von uns geben konnten, wenn dieser schnuckelige Paraguayer Roque Santa Cruz durchs Bild hüpfte.
Dass in diesen Erinnerungen deutsche Nationalsymbole fehlen, habe ich nie als Verlust oder erzwungene Haltung empfunden.

Letzten Dienstag sah ich mir mit einer 17jährigen Gymnasiastin aus dem Berliner Oberschichtsbezirk Lichterfelde West den Anfang des Spiels Elfenbeinküste gegen Portugal an.
Sie erzählte, heute, in der Schule, da hätten Schüler eine überdimensionale Deutschlandfahne aus den Fenstern entrollt, das habe „geil ausgesehen“. Die Fahne hatte Maße, da könne man mindestens die ganze Altbauwand mit tapezieren. Und für das Spiel am Freitag wolle sie sich die Fingernägel schwarz-rot-gelb lackieren. Schminken in den Farben sowieso. „Unser Mathelehrer macht an dem Tag keinen Unterricht, wir gucken das Spiel.“ Bei ihrer kleinen Schwester wird das von einem anderen Lehrer ebenso gehandhabt.
Als die Spieler der Elfenbeinküste ins Bild kamen, rief das Mädchen immer wieder: „Iiihgitt, sind die dunkel. Bah! Die sind ja fast schwarz. Und wie böse die gucken. Uuuah, guck mal der, guck mal wie ekelig der aussieht.“ Und als die Portugiesen ins Bild kamen, atmete sie erleichtert auf: „Ah, die haben angenehmere Hautfarben.“
Mein Einwände zu ihren Äußerungen überhörte sie oder wurde trotzig.

Mir geht das seither nach.
Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Das Mädchen stammt aus keiner Neonazifamilie. Im Gegenteil sind die Eltern Anhänger der Grünen und die Töchter völlig unpolitisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich erinnerte mich an einen Artikel vom Sommer 2007 in der SZ „Die Mär vom guten Patrioten“. Darin heißt es:

Zwar behaupten Politiker gerne, dass ein aufgeklärter, selbstbewusster Patriotismus unverzichtbar für die Zukunft des Landes sei, doch Empiriker zeichnen ein anderes Bild vom Patrioten: Je stärker sich jemand mit seinem Land verbunden fühlt, desto eher wertet er andere Nationen oder Minderheitengruppen ab.
(…)
Auch der vermeintlich harmlose „Partypatriotismus“ während der WM 2006 hat die Deutschen nach Ansicht der Psychologin Julia Becker von der Universität Marburg nicht offener und menschenfreundlicher gemacht. Im Gegenteil: Personen, die im Anschluss an die WM befragt wurden, äußerten sich nationalistischer als eine Vergleichsgruppe vor der WM.

Da bemerkte ich, dass ich aktuell noch gar keine patriotismuskritischen Artikel gelesen hatte, bloß immer die Behauptung, es gäbe so viele vergnatzte Kritiker, die die harmlose Fußballbegeistertung schlecht reden würden.
Das erste Mal ist es mir bei einem Beitrag von Bettina „Twister“ Winsemann auf Telepolis aufgefallen. Ihren Artikel „Es ist nur ein Spiel, Stupid“ leitete sie mit dem Satz ein:

Egal ob Grand Prix oder Fußball-WM, kaum wedelt jemand mit einem Deutschlandfähnchen, gerät die kollektive Schreiberschaft dieser Journaille in Panik ob des anscheinend bevorstehenden 4. Reiches.

Ich fragte mich, welche Schreiberschaft welcher Journaille sie wohl meint und ob die deutsche Medienlandschaft für sie nur aus Jungle World und Konkret besteht. Oder ob ich tatsächlich eine Artikellawine zum Thema Patriotismus verpasst hatte.
Dann stolperte ich über einen Videobeitrag auf Tagesschau.de, der vergangenem Donnerstag noch mit dem Satz „Mahner warnen vor Folgen des Fußball-Patriotismus“ angeteasert wurde. Inzwischen heißt er „Party-Patriotismus ohne schlechtes Gewissen“.
Das interessierte mich, vielleicht fände ich dort die Heerscharen von Mahnern, die das 4. Reich dämmern sahen. Die Heerscharen entpuppten sich als ein einziger verstaubter Sozialwissenschaftler und selbst der sah da nix groß dämmern.
Den Beitrag finde ich frech-tendenziös. Eingeleitet wird er damit, dass vor allem linke Chaoten (suggerier~suggerier) den spaßigen Patriotismus ablehnten und den nüchternen Aussagen des Wissenschaftler werden schwarzrotgelb verzierte, nicht mehr ganz nüchterne Public-Viewer entgegengestellt, die sich über die Gnade der späten Geburt freuen und lallend Geschichte Geschichte sein lassen.
Ein komplett in nationale Symbolik gehüllter junger Mann schließlich, dessen Freunde noch ärger geschmückt sind, darf sagen, es sei egal, ob man sich mit schwarz-rot-gold schmückt, ihm ginge es vor allem um die Identifikation mit „unseren“ tollen Jungs.
Der Beitrag schließt mit der Behauptung, Autokorsos machten nunmal nur beflaggt Spaß.
Aha. Für einen reflektierten Beitrag haben die Gebührengelder wohl nicht gereicht.

Später fand ich Jens Jessens Video-Beitrag bei der Zeit. Ach, dachte ich, der wird aber bestimmt ein Mahner sein. Der hat ja damals sogar Partei für die beiden Jugendlichen ergriffen, die einen Rentner in der Müchner U-Bahn zusammengeschlagen hatten. Woraufhin  der PI-Mob ihm mit Mord drohte.
Herr Jessen behauptet, erst wegen Lena und nun wegen der WM gäbe es immer ernster werdende Kritik am Patriotismus. Aber „liebe Leute“ — man solle die Kirche wirklich mal im Dorf lassen. Denn:

… Der Nationalismus ist dort, wo es Neonazis gibt. Er ist dort, wo eben ausländische Mitbürger, weil sie islamischen Glaubens sind, der Illoyalität, womöglich gar des Terrorismus verdächtig werden. …

Damit entledigt Jessen sich mal eben des unangenehmen Umstands, sich mit deutschem Alltagsrassismus und der, besonders unter Gebildeten verbreiteten, Islamophobie auseinanderzusetzen. Und er ignoriert die Ergebnisse der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ über Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – und das obwohl die Zeit regelmäßig die Zusammenfassungen der Studienergebnisse publiziert.
Radikale Spinner können für eine Gesellschaft nur dann gefährlich werden, wenn ihre Positionen in der breiten Mitte der Gesellschaft Anklang finden und diesen Anklang finden sie besonders in Zeiten sozialer Verunsicherung zur Genüge.
Selbstverständlich gibt auch Jessen keinen Hinweis, wo denn das vermaledeitete Füllhorn vergnatzter Kritik am Spaß-Patriotismus zu finden ist.

Ich habe Google News bemüht und schließlich die Suchen von Zeit, Spiegel, taz, FR, SZ und FAZ. Einen einzigen Artikel fand ich in der taz, der sich anlässlich der Lena-Hysterie kritisch mit den sich häufenden nationalen Inszenierungen auseinandersetzt. Dem gegenüber steht allerdings ein sehr langes Interview mit einem Grünen-Politiker, der dem Party-Patriotismus gleich alles patriotische abspricht und sich für einen „linken Patriotismus“ stark macht. Für Rechte sei es doch ein Schlag ins Gesicht, wenn die Deutschen so unverkrampft und unpolitisch mit nationalen Symbolen umgingen. Die kaisertreue Junge Freiheit tut dem Grünen diesen Gefallen allerdings nicht.

Immer wieder lese ich, der neue Patriotismus sei ja gar kein Patriotismus und deswegen harmlos. Er sei Konsum und Spaß und Bier, völlig unpolitisch, er habe Ähnlichkeit mit religiöser Verzückung, es gehe nur um Party.  Problematisch sei höchstens, dass Rechte sich bestätigt fühlen könnten, weil die Mitte der Gesellschaft ihnen signalisierte, Nationalsymbole seien schick.

Ich kratze mich am Kopf.
Hallo, will ich rufen, hallo Medienschaffende! Hallo Bevölkerung! Es gibt ja längst Belege, dass Patriotismus gefährlich ist. Übrigens, falls ihr euch dann besser fühlt, nicht nur deutscher.
Und eigentlich bräuchte es auch gar keine Studien dazu, eigentlich reichte ein bisschen Nachdenken: Wenn ich nämlich etwas erhöhe, dann erniedrige ich automatisch etwas anderes, respektive das Drumherum.
Deswegen dämmert jetzt nicht übermorgen das 4. Reich, deswegen werden auch nicht täglich Menschen mit Migrationshintergrund durch Ortschaften gehetzt und Hartz-IV-Empfänger werden von Hausfrauen auch weiterhin nur virtuell geschlachtet, aber welche Auswirkungen es auf lange Sicht haben und wofür die Sehnsucht nach Massenzusammenkünften noch missbraucht wird, kann heute keiner absehen. Ich zumindest kann mir nicht vorstellen, wo das Positive liege soll, bei einer Gewöhnung an Massenerlebnisse und nationale Symbolik. Bedenklich finde ich außerdem die Lust, sich an Nebenschauplätzen zu berauschen. (Nein, ich schreib jetzt nix von Brot und Spielen. Nein wirklich nicht.)
Oder um es mit den Worten Wilhelm Heitmeyers zu sagen: Die These vom toleranten Patriotismus ist „… gefährlicher Unsinn. Ein Stück Volksverdummung.“

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9 Antworten zu Patriotismuskritik, die unauffindbare

  1. Sebastian schreibt:

    Ich habe im Craplog seinerzeit darauf verwiesen, dass für Patriotismusdebatten seinerzeit immer Frankreich herangezogen werden musste. Ohne das unverkrampfte Frankreich und den Stolz der Tricolore ging nie etwas, denn was die können, können wir auch.

    Aber spätestens seit 2006 funktioniert das auch losgelöst von Frankreich. Das ist jetzt halt schon viel selbstverständlicher geworden alles. Der Partypatriotismus ist schon da und völlig normal, und ich denke, deswegen ist das jetzt auch nicht mehr das große Thema (jedenfalls in kritischer Hinsicht). Und das ist schade.

    Und oh Gott, ist das im Urbia-Forum da furchtbar.

  2. Sebastian schreibt:

    (Salziges Popcorn?)

    • Lotta Gruen schreibt:

      Ja, das schmeckt (einer von 100 Versuchspersonen).

      Urbia ist übrigens mein Trash-Fernsehen. Bloß, dass man sich da nicht mit „Ist ja alles nur gespielt“ beruhigen kann. Ich rede mir dann immer ein so kaputte Foren seien wichtig, Sozialstudien und so.

  3. rosa67 schreibt:

    Ich schrieb es ja schon, ich lese gern hier, sehr! Ich bin ein altes politisches Fossil, war früher sehr aktiv, also eher auf der Straße als parteilich organisiert, eher in Deine Richtung als mainstream. Und siehe da, kaum ist ein Kind da, bin ich weichgespült.

    Du bringst interessante Aspekte in die Patriotismusdebatte, grade zu Zeiten der WM. Ich weiß aber nicht, ob das so vollständig beleuchtet ist.

    Weißt Du, ich war hauptsächlich in den 80er Jahren sehr aktiv, Brokdorf-Demos, Ostermärsche, Demos gegen den Nato-Doppelbeschluss, Tschernobyl. Das sind so meine Dörfer gewesen, Du siehst, ich bin ein Fossil. Ich habe damals Nachhilfe gegeben, in Geschichte, in Deutsch, Englisch. Ich bin damals zur Schule gegangen. Und auf dem Lehrplan stand in fast jedem Fach: „Schuld, Scham“ Mir wurde gründlich vermittelt, dass ich mich gefälligst für das Deutsche Reich, für Hitler, für den Völkermord zu schämen habe. Ich habe dann mal geschaut, wie ich das so finde, was – damals – so in Israel passierte. Mit den Palästinensern. Ich habe gefunden, dass ich das nicht so wirklich tolerant und „fremden“-freundlich finde (wenn man denn sagen kann, dass die Palästinenser in ihrem eigenen Land Fremde sind, auch wenn sie in Ghettos leben müssen). Ich fand es deswegen nicht schlimm, als damals in der Hafenstraße auf einer Häuserwand ein Israelfeindliches Symbol auftauchte. Wurde natürlich angeprangert, seitens der israelischen Freunde, dass wir nun wieder judenfeindlich seien. Das machte mich damals stutzig. Wir dürfen also – so kam es mir vor – aufgrund unserer Vergangenheit nicht mehr anprangern, wenn ein anderes „Volk“ – vielleicht ebenfalls aufgrund seiner Vergangenheit – mal eben sich gegen andere vergeht.

    Seitdem habe ich einfach kein gutes Gefühl mehr dabei, wenn wir unsere Vergangenheit so am Leben erhalten. Ist es – so dachte ich mir schon damals – nicht besser, wir sehen mal vom Langzeitschämen ab und wenden uns statt dessen der Zukunft zu und sorgen dafür, dass dergleichen nie nie wieder passiert, egal wo auch immer.

    Dann schaute ich mir meine Geschichte-Nachhilfeschüler an. Ich selbst hatte und habe sehr viele Dinge, auf die ich stolz sein kann, ich brauch keinen Nationalstolz. Nun gibt es aber Menschen, die das nicht haben, und das – so dachte ich – sind diejenigen, die einen Nationalstolz irgendwie brauchen eventuell. Ich habe nun damals immer wieder gemerkt, dass grade das Langzeitschämen, was uns im Unterricht vermittelt wurde, ins genaue Gegenteil umschlug. In Unwillen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, in Wut, weil einem da was vorgeworfen wurde, man kollektiv mitschuldig war, was man ja überhaupt nicht verursacht hatte, zu verantworten hatte. Ich hatte Schüler, die im Biounterricht, im Matheunterricht, im Deutschunterricht, im Chemieunttericht übers Dritte Reich unterwiesen wurden, denen es zu den Ohren hinauskam, die es nicht mehr hören und sehen wollten. Das war einfach „des Guten“, wenn man es so nennen kann, zu viel. Es ging nach hinten los, ich hatte einige Schüler, die sich dann eben in der rechtsradikalen Szene wohler fühlten (und ich konnte verstehen, wie das passieren konnte, denn einem Pubertie ständig Scham zu vermitteln für etwas, was er nicht getan hat, das ist eben grundfalsch). Natürlich hab ich versucht, mit den jungen Menschen in die andere Richtung zu arbeiten, aber – und das ist mein Punkt, auf den ich mit all diesen Schachtelsätzen hinauswill – das gelang meist genau in diesem Punkt, wenn ich ihnen einen Weg gezeigt habe, bei dem sie sich nicht mehr schuldig gefühlt haben, sondern sich wohl fühlten mit ihrer Nationalität, mit ihrem Wohnort.

    Ich bin ernsthaft in Irland, Großbritannien und in den USA in den 90er Jahren gefragt worden, ob ich H.itler gewählt habe.

    Jahrelang hab ich in Harburg gelebt, das war mein Kiez, so wie Dein Friedrichshain. Harburg – ein Stadtteil von Hamburg. Harburger betrachten sich aber nicht als besonders hamburgisch, weil Harburg, tiefrot, damals von den Nazis zwangsgehamburgt wurde. Egal. Ich war „patriotische Harburgerin“, bin begeisterte Hamburgerin. Ich schämte mich damals, als der Schill hier so populär war. Der mit seiner Fremdenfeindlichkeit. Seltsamerweise wurde er grade in den ehemals tiefroten Arbeiterstadtteilen gewählt. Damals war grade die doppelte Staatsbürgerschaft ein Thema, nur so als Beispiel. Da konnte man nicht übersehen, dass die ganze linke, „fremdenfreundliche“ Politik an den traditionellen alten Wählern vorbeiging, dass die gar nicht genug informiert wurden, dass die in ihrer – berechtigten Angst vor den Fremden – ganz allein gelassen wurden. In Hamburg gibt es viele Bezirke, in denen immer noch recht links gewählt werden, das sind aber nicht mehr dieselben wie früher. Das sind eher wohlhabende Bezirke, wo gut gebildete Menschen leben, die nicht arbeitslos sind, deren Arbeitsplätze und Zukunft eher sicher sind.

    Mein altes Harburg wird allmählich zum Ghetto, da häufen sich die Arbeitslosen, die Fremden, die Straftaten. Da kann man auch gefahrlos noch ein paar Drogenambulanzen platzieren oder ähnlich. Die toleranten Rot-Grün-Links-Wähler in den anderen Stadtteilen sind darüber froh und wählen rot-grün-links solange, bis man ihnen auch etwas Ähnliches vor die Tür setzt. Spätestens dann ist aber Ende, dann wechselt man eben doch zu Ole dem Blonden.

    Was will ich damit sagen? Toleranz und Fremdenfreundlichkeit fällt leichter, wenn man es nur theoretisch sein muss und wenn einem nicht an allem mangelt. Xenophobie scheint doch irgendwo fast jedem innezuwohnen.

    Und wenn man dann mal genau in meinen ehemaligen Lieblingskiez Phoenix-Viertel Harburg schaut, dann sieht man, dass man eben die ganze Chose „Fremde“ nicht einfach so gären lassen darf, das ist falsch verstandene Toleranz.

    Und wenn man mal durchliest, was ich bis jetzt geschrieben habe, so ist es mir ein wenig unangenehm, dass ich hier so rumschwalle und eigentlich nur eines sagen möchte.

    WM: Südafrikaner schwenken Fahnen und vuvuzelen (und wenn man über den Lärm schimpft, so wird man ausgebuht, weil man nicht tolerant ist und die Sitten anderer Länder schlimm findet, böse böse, fremdenfeindlich), Australier schwenken Fahnen (oder sind sie ausgeschieden?), Brasilianer schwenken Fahnen, Italiener schwenken Fahnen. Ist doch okay, denke ich. Und ein wenig Fahnenschwenken gestehe ich auch uns Deutschen zu, wenn auch lieber ohne Bier und Gejohle. Und überlege, ob ich meinem Sohn, der jetzt überall „Deutschland“ entdeckt, nun eine Scham vermitteln soll oder eben einfach ein neutrales Gefühl für dieses Schwarzrotgold.

    Sorry für diesen wirren Beitrag, ich musste ein paar Mal unterbrechen und Kindi trösten!

    • Lotta Gruen schreibt:

      Ach Rosa! Ein gar nicht wirrer, ein sehr interessanter Beitrag!

      Das mit dem Unterricht übers Dritte Reich kenne ich haargenauso wie du es schreibst. Von mir persönlich nicht, mich hat das irgendwie nie gestört, aber die meisten meiner Mitschüler stöhnten und schimpften. Und es entwickelte sich genau die von dir beschriebene Reaktion, aus Überdruss und Trotz und eingeredeten Schuldgefühlen. Das fand ich auch schon immer ärgerlich. Vor allem wurde so die tatsächliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unmöglich gemacht. Einerseits gewannen die Schüler das Gefühl bis zum Erbrechen mit Wissen über die NS-Zeit vollgepumpt zu werden und verloren daher jedes persönliche Interesse, andererseits wurde kaum ein Schüler wirklich zur eigenständigen Auseinandersetzung gebracht, es war ja alles vorgekaut.
      Auch bei uns an der Schule fand (die Naturwissenschaften ausgenommen) jedes Fach umfassend Platz über die deutsche Vergangenheit zu wüten.
      Mit ihren sicherlich gut gemeinten Versuchen haben die Lehrer also das genaue Gegenteil erreicht.

      Ich hatte immerhin das Glück über viele Jahre eine großartige und sehr engagierte Politik-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftslehrerin zu haben und so habe ich nie diese verkrampfte Schuld und Scham, sondern vor allem die Reflektion über die Vergangenheit und Empathie mit den Opfern vermittelt bekommen.

      Seitdem habe ich einfach kein gutes Gefühl mehr dabei, wenn wir unsere Vergangenheit so am Leben erhalten. Ist es – so dachte ich mir schon damals – nicht besser, wir sehen mal vom Langzeitschämen ab und wenden uns statt dessen der Zukunft zu und sorgen dafür, dass dergleichen nie nie wieder passiert, egal wo auch immer.

      Da gebe ich dir absolut Recht. Und ich will auch überhaupt nicht darauf hinaus, dass man im Langzeitschämen versumpfen soll, sondern es geht mir eben um den zweiten Teil dieser Aussage: In Zukunft dafür sorgen, dass dergleichen nie wieder passieren kann.
      Und dazu gehört für mich das Ablehnen von nationalen Symbolen und dem Streben nach einem Auf/Untergehen in der Masse bzw. künstlich forcierten Trends. Meine Ablehnung resultiert eben nicht aus einem Schamgefühl, sondern aus der Erkenntnis, das Patriotismus kein natürliches Gefühl ist und weil zudem aus patriotischem Gebaren noch nie etwas Gutes erwachsen ist.
      „Ich liebe nicht mein Land, ich liebe meine Frau.“ Genau!
      Das Gleiche empfinde ich bei jeder anderen Form der Massenmobilisierung, Patriotismus ist da nur eine Spielart unter vielen.

      Ich finde den neutralen Vermittlungsansatz für Kinder übrigens richtig. Im Grunde ist eine Nationalflagge ja nichts groß anderes als bspw. eine Automarke. 😉

      Mir fällt noch so viel zu deinem interessanten Kommentar ein, aber für heut war’s das erst mal. Gut Nacht!

  4. mo schreibt:

    interessant, dass ihr beide ähnliche erfahrungen hinsichtlich der „überfrachtung“ mit dem ns-thema in den schulen schildert – kann das sein, dass das erst ab mitte der 80er so gelaufen ist?

    meine erfahrungen bis in die frühen 80er hinein waren – zumindest an haupt- und realschule – nämlich diese: es gab keinerlei behandlung des ns im unterricht, selbst in der 10. klasse nicht. gar nichts – ich erinnere mich meine ganze schulzeit an zwei bis drei ausnahmen, von denen eine in der sechsten klasse („orientierungsstufe“) stattfand, als ich mich nämlich selbst in sachen referats-thema für den 30. januar 33 – „machtergreifung“ – entschied, und dann so fünf minuten als 11jähriger erzählte, was ich mir darüber aus eigenem interesse aus einem geschichtsbuch angelesen hatte. natürlich folgten weder diskussion noch kommentare, kann aber auch am alter von uns damals gelegen haben.

    wie dem auch sei: ich will daraus hinaus, dass ich immer sehr erstaunt bin, wenn ich erzählungen wie die eurigen höre – manchmal habe ich den verdacht, dass in den jahren ca. seit 1985 ein geheimer plan im gange war, alles versäumte aus den jahren davor mit einem schlag nachzuholen… und das auch noch auf die denkbar ungeeigneste art & weise.

    ansonsten noch mal ein bißchen grundlegender senf zu „nationalen identitäten“ meinerseits 😉

    • Lotta Gruen schreibt:

      Danke für den Link, Mo! Da hast du vieles formuliert, dem ich mich anschließen kann.

      Inzwischen ist das mit dem Unterricht über die NS-Zeit wohl schon wieder anders. Zumindest meine Berliner Gymnasien-Kinder klagen nicht mehr über einen Informationsoverkill in Sachen NS, im Gegenteil erschrecken sie mich oft mit ihrer Unwissenheit. Jetzt schlägt es wohl eher wieder ins Gegenteil um.
      Auf die Schnelle habe ich auch für Sachsen und Bayern ähnliches gefunden.

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