Die Erinnerung ist mir weggeschwommen

Der Zufall überraschte mich am S1-Bahnsteig der Friedrichstraße mit Gerhard Henschels „Kindheitsroman“. Zwischen Krimis und Schmuddelbüchern, die so tun als seien sie historische Romane für Frauen am Rande des Klimakteriums, winkte mir der schlichte Buchrücken hilfesuchend zu und ich nahm mich seiner an. Noch im Stehen begann ich zu lesen. Sofort fand ich mich in Westdeutschland der 60er Jahre wieder und aß bald darauf mit Gerhard Henschel verdorbenen Fleischsalat auf einer Müllkippe, wovon sowohl ihm, als auch seinem Kinderfreund und besonders mir sehr schlecht wurde.

Jeder, der über Kinder schreibt, wird sich immer wieder mit der Frage konfrontiert sehen, ob das Geschriebene denn auch wirklich in Kindersinnen so wahrgenommen würde und oft sind die literarischen Kinder frühreife Gesellen. Bei Henschel ist das nicht so. Henschels Ich-Erzähler ist ganz Kind und nichts sonst.

Und der Leser gerät in einen Strudel, der ihn in seine eigene Kindheit zieht. Auch wenn ich 20 Jahre nach Henschel geboren wurde, viel ist in meiner Kindheit ähnlich gewesen. Ich hatte das Glück noch relativ unbehütet aufzuwachsen und bis in die Puppen mit den anderen Kindern unserer Siedlung im nahegelegenen „Park“, zwischen Hagebutten- und Brombeersträuchern, Mirabellen- und Apfelbäumen herum zu rennen und mir in Haselsträuchern Buden zu bauen. Unsere Fahrräder wurden im Frühjahr mit Forsythienpamps gefüttert und das zarte Hagebuttengrün war unser Salat – „aber nur in Spiel“.

Flipper oder die Bonanza-Truppe waren nicht mehr meine Helden, ich hatte Huckleberry Finn und die Rote Zora und Fury und die Mädels vom Immenhof. Aber die hatten ja auch meine Eltern schon. Überhaupt, wer nennt seinen Sohn denn Ethelbert? Und Schneewittchen, dieses süße braun gescheckte Fohlen, alleine, in diesem schrecklichen Gewitter…! Und Eibe darf man niemals essen, Eibe ist ganz ganz giftig. Am Schluss war ich sehr verliebt in Ethelbert und hin und hergerissen, ob ich lieber Dick oder Dalli sein wollte.

Dennoch ist Henschels Kindheitsroman keine Zuckerwatten-Verklärung, wie schön und wie viel besser es damals doch war. Er gibt im gleichmütigen Ton, in dem Kindesmisshandlung früher unter Erziehung subsumiert wurde, wieder, was für die meisten Kinder damals normal war.
Kinder, die „bockten“, wurden ins fensterlose Klo gesperrt und wenn sie ihrer Verzweiflung Ausdruck verliehen, mussten sie noch länger da drin bleiben. Da gibt es keine Rettung.
Ohrfeigen waren die Regel. Kochlöffelschläge (das muss ich auch an die Anekdoten meiner Eltern und die Erlebnisse einer Freundin denken) auch nicht ungewöhnlich.
Nachbarskinder wurden, wenn deren Mutter ihre Ruhe wollte, einfach ausgesperrt und mussten bei den Nachbarn klingeln, wenn sie aufs Klo mussten. Als die Nachbarn das nicht mehr mitmachten, sah sich eines der Kinder gezwungen in einer Mülltonne seine Notdurft zu verrichten, die Erwachsenen hatten kein Verständnis für dieses „ekelhafte“ Kind.
Oder als der kleine Ich-Erzähler bemerkt, er würde gerne eingeschult werden, „wegen der Schultüte“. Aber auf der Schule, auf die seine beiden älteren Geschwister gingen wurde man „dauernd verhauen“.
„Die Jungen bekämen den Arsch versohlt und die Mädchen Schläge auf die Finger, sagte Renate.“

Jeder, der sich für Kindheits- und Zeitgeschichte interessiert, wird begeistert sein, aber auch davon ab ist es ein lesenswertes Buch. Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Vor Nostalgie, von Erinnerungen mitgerissen, über die Absurdität und die detaillierten Beobachtungen. Es gibt ein Lied, das die Stimmung des Buches widerspiegelt. Auch da reizt mich das Lachen und Weinen zugleich: Rainald Grebe  – Familie Gold

Eine Überlegung zum Schluss: Weil Henschel doch für die Titanic gearbeitet hat und weil da doch auch Rattelschnecks Stulli „schön mit dick Fleischsalat und Margarine“ sein Unwesen treibt – ist es möglich, dass Stulli und das Erbrochene im Kinderzimmer nach dem Müllkippen-Fleischsalat ein und denselben Ursprung haben? Oder ist das ein universelles Kindheitserlebnis aus der guten alten Zeit?

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5 Antworten zu Die Erinnerung ist mir weggeschwommen

  1. Sebastian schreibt:

    Das mit dem Fleischsalat ist eine Sache, über die ich gut nachdenken werde. Möglich wär’s. Ich habe das Buch jedenfalls mal auf meinen Wunschzettel gesetzt, ich lese so etwas sehr gerne.

    Sehr gut gefallen hat mir auch Populärmusik aus Vittla, in dem die Kindheit auch nicht zwingend beschönigt wird, aber das ganze in die verklärt-romantische Welt Nordschwedens der 60er eingebettet wird. Das ist teilweise ein sehr komischer Kontrast, jedenfalls ein sehr, sehr schönes Buch. Empfehle ich hiermit mal. (Im Gegensatz zum Film, der taugt nicht viel.)

  2. Sebastian schreibt:

    Vittula, nicht Vittla. Egal.

  3. rosa67 schreibt:

    Oh! Super! Vielen Dank, ich hab das gleich mal beim Online-Bücher-Dealer angeschaut und glaube, das wird ein Teil meiner Urlaubsliteratur. Sowas lieb ich ja, hach!

  4. Lotta Gruen schreibt:

    Ah, Sebastian, das mit „Populärmusik aus Vittula“ ist gut zu wissen. Das Buch merke ich mir vor. Den Film fand ich auch nur so naja.
    Ich wünsch euch beiden jedenfalls viel Spaß beim dereinstigen Lesen. 😉

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