Warum ich Bücher vom Regener nicht mehr selbst lese

„Herr Lehmann“, das war damals 2003 in Neukölln nahe der Sonnenallee, in dieser winzigen, dunklen, eisigen Erdgeschosswohnung. Ich las es, F las es und der Rest der mir persönlich bekannten Menschheit auch.
„Herr Lehmann“, das war irgendwie mitten aus unserem Leben, bloß eben eine Dekade früher. Und schließlich Ulmen, dieser fleischgewordene Frank Lehmann, was war er perfekt in der Rolle! (Wir haben den Film neulich nochmal gesehen, was zur Folge hatte, dass ich 1. nachts um eins Hunger auf Schweinebraten bekam, 2. wieder mit dem Rauchen anfangen wollte, 3. unbändige Lust verspürte Stahlträger in absurden Formen zusammenzuschweißen.)

F schleppte vor 1 1/2 Jahren schließlich das Nachfolgebuch „Neue Vahr Süd“ an. Während er es las, brach er immer wieder in sein typisches F-Lachen aus, bei dem ich jedes Mal mitlachen muss, auch wenn ich gar nicht weiß worum es geht.

Als er fertig war, versuchte ich es ebenfalls – und gab nach wenigen Seiten auf. Der Schreibstil von Sven Regener ist mir inzwischen unerträglich. Dieser Mensch ist unfähig Sätze zu beenden, einfach noch ein Komma dranhängen und weiter geht’s… Und nein, es ist keine Kunst 83mal auf einer einzigen Seite die Formulierung „dachte er“ unterzubringen. Nein, wirklich nicht.
Ich wurde wütend. „Wie kannst du diesen Quatsch lesen?“, fragte ich F vorwurfsvoll, der nur die Schultern zuckte und noch immer lachen musste, in Erinnerung an eine Szene mit einer Colabombe und eine andere mit einer Axt. Man musste nur „Axt“ sagen und F bekam vor Lachen Schluckauf.
Und so kam es, dass F begann mir den Regener vorzulesen. Er filterte 90% der „dachte er“s raus und tat einfach als ob da Satzenden wären, wo noch gar keine kamen.
Wir bekamen Bauchweh vor Lachen. Man muss Sven Regener lassen, er hat es drauf die Absurdität des Lebens einzufangen. Ich glaube, der Regener hat das alles selber erlebt. Diese ganzen Vollversammlungen, das WG-Leben mit Martin Klapp, den restlichen Pappenheimern und dem Loch in der Wand und jeder sagte zu ihm „Du bist ja mehr so der Hippie-Typ.“ Und dann diese Bundeswehr.
Und wehe es gab 1979 in Bremen keine Lokalität namens „Why Not“!
Ja, die Vahr. Aber das ist im vergangenen Jahr gewesen.
Jetzt sind wir kurz davor „Der kleine Bruder“ abzuschließen. Ich hab von vielen gehört, das sei ja so viel schlechter als die vorigen. Aber das ist Quatsch. Finde ich. Es ist genau wie die Vorgänger. Genauso grauenhaft geschrieben, genauso lustig in all seinen Details und seiner Lebendigkeit. Und F liest mit verteilten Rollen. Ich muss mir schon das Kichern verkneifen, wenn ich nur an Fs Interpretation des schwäbelden Kneipiers Erwin denke.

Nachdem unser Exemplar von „Herr Lehmann“ vor Jahren einer ewigen Ausleihung zum Opfer fiel, haben wir uns das mal wieder besorgt. Damit wir jetzt quasi den Kreis schließen können: Wir haben die Lehmann-Chronologie eingehalten. Vielleicht verfangen wir uns jetzt auch in einer Endlosschleife. Wenn wir „Herr Lehmann“ durchhaben, wollen wir nochmal die Vahr lesen und dann ist es bestimmt schon wieder so weit, dass wir die ganzen lustigen Details vom kleinen Bruder vergessen haben und das auch nochmal lesen können.
Ach, es ist schade, dass der Regener nicht noch mehr Lehmann-Bücher schreiben will.

Eindringlich warnen möchte ich aber jeden vor den Lehmann-Hörbüchern. Grauenhaft ist gar kein Ausdruck. Sven Regener liest selbst. Und er liest wie er schreibt, fürchterlich.

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5 Antworten zu Warum ich Bücher vom Regener nicht mehr selbst lese

  1. Sebastian schreibt:

    Ich war ja nun mal auch bei der Bundeswehr. Und auch mein Schwiegervater in spe. Und da ist uns aufgefallen, dass das mit Lehmann ziemlich genau 3 Bund-Dekaden sind, die da insgesamt eingefangen sind. Und dass sich da rein garnichts geändert hat. Mein Schwiegervater und ich konnten über die gleichen Stellen im Buch lachen, weil wir das alles EXAKT so erlebt hatten. Das ist irgendwie schon wieder traurig.

  2. mo schreibt:

    „Und wehe es gab 1979 in Bremen keine Lokalität namens „Why Not“!“

    da kann ich dich beruhigen – ich war da so 1982/83 mal ein paar mal als etwas verschüchterter umland-provinzler zu besuch, bzw. auf der suche – 😉 „psst, willst henna kaufen für nen zehner?“ *g*

    war ein dunkler, verrauchter verschachtelter laden damals – aber das war damals der viertel-kneipen-standard. ist übrigens bis heute unter verschiedenen namen ne disse geblieben, aber vom alten why not ist weder optisch noch atmosphärisch was zu erahnen. (war übrigens gerade etwas erstaunt über die musik der revival-party; ich erinnere mich nur an angesagte italo-disco – aber das passte perfekt. dafür dürfte herr lehmann dann schon zu alt gewesen sein *g*

  3. Lotta Gruen schreibt:

    Interessant.
    Sowohl, dass die Bundeswehr der einzige Ort unserer Zeit zu sein scheint, an dem sich aller Schnelllebigkeit (selbst Schnelllebigkeit schreibt man dieser Tage mit neumodernen drei Ls) zum Trotz, ein generationsübergreifender Gleichklang etablieren konnte, als auch, dass es das „Why Not“ gibt oder gab oder so.

    ich war da so 1982/83 mal ein paar mal als etwas verschüchterter umland-provinzler zu besuch, bzw. auf der suche – 😉 „psst, willst henna kaufen für nen zehner?“ *g*

    Hihi. Die Provinz zu Gast in Städten. Ich glaube auch das wenigstens wird sich nie ändern.

    • mo schreibt:

      nein, das wird sich wohl nicht ändern – ausser, wenn die großstädte anfangen zu schrumpfen, aber das führt jetzt etwas zu weit ab… 😉

      was ich eigentlich nur sagen wollte: ohne Deinen beitrag hätte ich von der existenz eines dritten buches gar nix mitbekommen; so habe ich es gerade just heute ausgelesen – vielen dank! ich musste oft genug vor mich hinkichern *g

  4. Ich fand die Bundeswehr auch sehr gut getroffen. Ich glaube wenn man Wehrdienst gemacht hat, dann liest man das Buch noch einmal ganz anders, weil er viele der Mechanismen in der Bundeswehr herrlich darstellt

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