Explosionen in Berlin

Gestern Abend saß ich besorgt neben unserer 20jährigen Katzendame Malo, die sich seit ein paar Tagen von der Welt zurückzuziehen scheint, während im Hintergrund das Radio die Nachrichten des Tages aufzählte. Monoton berichtete die Sprecherin, es habe in Berlin und Stuttgart große Demonstrationen gegen die Sparpläne der Bundesregierung gegeben, in Berlin sei es am Rande der Demonstration zu zwei Explosionen gekommen, bei der fünf Polizisten verletzt worden seien. Dann fuhr sie ungerührt fort: „…die Kanzlerin erklärte an den Sparplänen sei nichts auszusetzen…“

Ich kratzte mich am Kopf. Explosionen? In Berlin? Und dann nichts weiter darüber?
Als ich eine Meldung bei tagesschau.de überflog, las ich nur was von geworfenen Steinen, Bananen und Eiern. Ich beschloss mich verhört zu haben, es erschien mir zu unglaubwürdig.

Inzwischen weiß ich, dass es Explosionen gegeben hat, zwei Polizisten sollen dabei schwer verletzt worden sein. Anne Roth hat in ihrem Blog einen nachdenklichen, lesenswerten Text dazu geschrieben: Splittersprengsatz bei der Berliner Krisendemo. … ?
Nachdem bis heute Mittag größtenteils mediale Ruhe herrschte, übernehmen die meisten Medien Springers Behauptung von Splitterbomben unreflektiert.
Ein Youtube-Video dokumentiert die Explosion:

Mich macht das ratlos.
Bei den Bildern nach der Explosion musste ich an die „Freiheit statt Angst“-Demo 2007 denken. Da gerieten F und ich aus Versehen in Schwarzer Block-Nähe.
2007, wir erinnern uns, das war Heiligendamm, das war Gewalt gegen Demonstranten, das war Polizeiprovokationen wo es nur ging, das war unrechtmäßige Einknastung harmloser Menschen, das war, als die Bundeswehr im Innern eingesetzt wurde und Medien und Politik das „Feindbild Demonstrant“ wieder en Vogue machten. So sehr, dass sich der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein gezwungen sah ein Buch herauszubringen, in dem sie den G8-Gipfel retrospektiv noch einmal aus Sicht des Anwaltlichen Notdienstes schilderten: Feindbild Demonstrant: Polizeigewalt, Militäreinsatz, Medienmanipulation.
Ein überaus interessantes, unaufgeregtes, vielseitiges Buch, reich an Quellen und frei von medialer Dampfplauderei.

Jedenfalls, F und ich und der Schwarze Block. Es war noch zu Anfang der Demo, vor dem Berliner Adlon. Ein kleiner Kern aus (die Erinnerung schätzt für mich) vielleicht 50 Menschen brüllte monoton und aggressiv irgendwas und hörte gar nicht mehr auf. Drum herum standen die typischen Demo-Besucher, bunt gekleidet, studentisch oder alt-68erig aussehend. Ich empfand die Rufe der schwarz Gekleideten als bedrohlich und wie immer befremdeten sie mich, diese Sprechchöre. Ich mache bei so etwas nie mit, in mir sträubt sich alles gegen diesen sprachlichen, inhaltlich verkürzten Gleichklang.
Ich glaube der Schwarze Block wollte das Adlon entern, auf jeden Fall kam auf einmal Bewegung in die starre Uniformität aus Schwarz und Aggressionen. Irgendwer brüllte: „Die kesseln uns ein!“ Der Schwamm aus bunten Menschen geriet in Aufruhr, vereinzelt sprengten schwarze Punkte dazwischen und dicke, gepanzerte Monster in dunkelgrün stürmten los. In meiner Erinnerung schwingen sie ihre Schlagstöcke.
Selten habe ich mich derart unwohl gefühlt. In dem Moment gab es nur noch Bedrohung, Enge und keine „Guten“ mehr.

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5 Antworten zu Explosionen in Berlin

  1. Sebastian schreibt:

    Ich meide Menschenmengen und kann daher nicht viel zu Demos sagen. Aber ich habe ein komisches Beispiel für gruseligen Gleichklang. Sehr harmlos allerdings die Begebenheit: ein Theaterstück. Das war gerade rum und der Applaus setzte ein. Ich klatschte mit, es war ja auch ganz gut. Nach ein paar Augenblicken wurde der Applaus immer rythmischer und irgendwann war das ein absolut harmonischer Gleichklang. In mir sträubt sich bei sowas sofort alles, das ist so ein komischer Mechanismus, der dahintersteckt, weswegen ich erst ganz aufgehört habe zu klatschen und dann gegen den Takt angeklatscht habe, ich wollte da wieder ein wenig Unordnung reinbringen. Hat aber nicht geklappt.

    Man muss da ja nicht zuviel hineininterpretieren, aber suspekt ist mir gleichförmiger Applaus doch sehr.
    Und jetzt stelle ich mir euch vor, wie ihr da hineingeratet, und zwei uniforme und gewollt de-individualisierte Gruppen mit martialischem Auftreten geraten aneinander. Nein, das ist alles nicht gut.

    • Lotta Gruen schreibt:

      Beim Beifall-Klatschen empfinde ich das auch oft oder wenn bei Konzerten auf einmal im Takt mitgeklatscht werden soll. Ich mag das nicht.

      Auch wenn es wirklich krass ist, aber mir drängt sich da mitunter die Vorstellung auf: So ähnlich muss die Stimmung gewesen sein, damals im Dritten Reich, wenn die Menschen eine der unzähligen Massenveranstaltungen mit den gleichgeschalteten Emotionen und Ansichten besuchten.
      Wobei ich nicht sagen möchte, dass ich inhaltlich den Beifall nach einem Theaterstück oder unser Demo-Erlebnis mit NS-Veranstaltungen gleichsetze. Das wäre verharmlosender Unsinn. Es geht mir dabei allein um die Beobachtung wie Menschen sich verhalten, wenn sie zu einer homogenen Masse werden und wie es sich für mich anfühlt, mitten unter ihnen zu sein.

      Etwas ähnlich Unangenehmes ist uns aber bisher auf keiner anderen Demo passiert. Ich denke, da waren alle noch aufgeheizt von Heiligendamm. Und die „Freiheit statt Angst“-Demo ein Jahr später gehört sogar zu einem meiner schönsten Erlebnisse 2008.

      • Sebastian schreibt:

        Ja klar, inhaltlich sind solche Sachen weit entfernt vom Nationalsozialismus und es wäre ja auch wirklich albern, dass in einen größeren Zusammenhang setzen zu wollen.

        Aber es gibt eben einen Verknüpfungspunkt. Und das ist die Eigendynamik, die sich bei Massenveranstaltungen einstellt. Und die ist gut beobachtbar, weswegen man leicht ein Gespür dafür bekommt, warum solche Hysterien wie sie bei Goebbels Reden aufkamen, möglich sind. Der Effekt bildet sich um einen Kristallisationspunkt, dieser kann eine Hetzrede sein, ein Fußballpiel, ein wichtiges und gutes Anliegen oder sonstwas. Aber auch, wenn man den Kristallisationspunkt erstmal wertfrei sehen sollte, den Effekt als solchen empfinde ich als zu mächtig, als dass man damit leichtfertig umgehen sollte. Womit wir dann wieder bei den Flaggen wären 😉

        Ganz speziell wird das ja bei den Vuvuzelas jetzt. Einmal, weil das klingt wie einen hirnloser Hummelschwarm, was das ganze zu einem schönen Bild macht, und zweitens, weil der verständliche Unmut, von dem ich nicht frei bin, schon wieder übergreift in eine Massenbewegung. Die ganzen Foren und Kommentarspalten mag man schon wieder garnicht lesen.

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Aber auch, wenn man den Kristallisationspunkt erstmal wertfrei sehen sollte, den Effekt als solchen empfinde ich als zu mächtig, als dass man damit leichtfertig umgehen sollte.

    Das unterschreib ich.

    Und zu den Vuvuzelas. Mir sind die ehrlich gesagt sehr gleichgültig. Nervig fände ich es, wenn meine Nachbarschaft aus Vuvuzela-Trötern bestünde, aber da sie das nicht tut – so what.
    Am Freitag las ich das erste Mal in einem Forum davon wie schlimm die Dinger seien, dachte dann, die wären wer weiß wie laut, denn: „Man kann die stimmungsvollen Fangesänge gar nicht hören!“ Und: „Die WM macht so überhaupt keinen Spaß!“ Zudem: „Ich hatte danach Kopfweh!“
    Ich war fast enttäuscht als ich dann den tatsächlichen Sound hörte.
    Schlimmer finde ich das Geböller hier wegen dieser ganzen Tore für Deutschland. Aber in Berlin ist man Kummer ja gewöhnt (und das ganze Jahr über Knaller und Feuerwerk, auch ohne debile Großereignisse).

  3. zettes schreibt:

    Mich hat diese Nachrichter dieser Explosion sehr erschreckt und getroffen. Für mich geht das zu weit und danke Lotta für die Gedanken Erweiterungen, das auch die möglichkeit besteht das dieser „Schwarze Block“ auch durch dritte gesteuert sein kann. Das Buch werde ich mir besorgen, die Nachrichten damals über das vorgehen gegen die Demostraten hatte mich sehr beunruhigt.
    Aber egal, ob nun die Gewalt Aktionen vom Schwarzen Block von Chaoten und Gewaltakteuren stammt oder druch dritte gesteuert wurden um Demonstrationen den gar aus zu machen, müßen Lösungen her. Wie man sich gegen diese Gruppe erwährt und ausschließt aus den Demos [nicht von der Staatsmacht, sondern von den Beteiligten]. Denn sie zerstören das anliegen der Friedlichen Demostraten, sondern gefährenden auch die Grundrechte aller – ganz zu schweigen von Leib und Seele aller beteiligten.

    Euer beider Dialog mitlesend, stimme ich der Macht des Gleichklangs zu. Finde aber das man nun nicht jeden gleichklang unterbinden oder sabotieren muß. Ich bin zwar selbst jemand der nur also zu oft gegen den strom schwimmt, doch muß man mE doch immer einzel bewerten ob es etwas „gut“ o. „schlecht“ ist. Und wenn ich nun beim Ärzte Konzert sich alle hinsetzen oder ryhtmisch klatschen ist das doch nicht gleich etwas schlechtest. Ich bin doch auch nicht für Krieg, wenn alle für Frieden sind. 🙂

    Achja, der gleichklang der Demonstrationen bei den Herbst Demons [Keine Gewalt – Wir sind das Volk] hat den Fall der Berliner Mauer ermöglicht. Was der greifbarer Beweis für den souveräne ist, der hier im Lande mangels an Beteiligung an Demos gänzlich verloren gegangen ist.

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