Malo – oder wieso wir unser Leben mit Katzen teilen

Im Januar 2003 waren F und ich frisch verliebt, wie es frischer und verliebter gar nicht geht, und in ein tage- ach wochenlang andauerndes Gespräch über unsere Leben und Gedanken und Nöte und Erinnerungen vertieft. Da war es kein Wunder, dass wir auf Katzen zu sprechen kamen.

Im Sommer 2002 war Sofie, die Katze meiner Kindheit, mit 12 Jahren gestorben. Sie war nicht mehr nach Hause gekommen. Ihr Tod hatte uns nicht überrascht, sie war lange krank gewesen, seit ein Jäger auf sie geschossen hatte. Schrotkugelteilchen waren dabei in ihren Darm gedrungen und das ließ sich leider nicht operieren. Seither muss ihre Verdauung für sie eine Qual gewesen sein und sie, die sie schon immer ein ausgesprochen kleines Kätzchen gewesen war (zu pummeligen Zeiten wog sie 2,5kg!) schien noch winziger zu werden. Und kein Tierarzt wusste Rat.
Ihr Tod traf uns trotzdem unvorbereitet.
Ich glaube, als ich F ein halbes Jahr nach Sofies Tod davon erzählte, hängte ich den Satz „Ich weiß, war ja nur ein Haustier…“ dran. Jedenfalls begann nun F seinerseits davon zu erzählen, dass er immer gerne eine Katze gehabt hätte, aber seine Mutter hatte keine Tiere gewollt. Er erzählte von einer Bekannten, die sich ein Babykätzchen geholt hatte. Ein kleines, rot getigertes Wesen, flauschig und zutraulich und permanent in Babykätzisch quiekend. Er war hingerissen.
Bald darauf hörte er, die Bekannte habe es ausgesetzt, im Hinterhof, weil sie plötzlich keine Lust mehr auf das Kätzchen gehabt hatte. Ihr sei aufgefallen, dass das Kätzchen nicht vereinbar war mit ihrem Lebensstil, mehrere Nächte lang nicht nach Hause zu kommen. Und wie wütend er darüber war. „Hätte sie mal rumgefragt – ich hätte die Kleine genommen.“
In diesem Moment entschieden wir, sobald wir bereit für die Verantwortung und die Kosten waren, eine Katze aufzunehmen.

Das war dann im Sommer 2004 der Fall. Meine Schwester drückte uns die Zitty (Berliner Stadtmagazin) in die Hand und meinte: „Soh, jetzt guckt auch mal nach einer Katze!“ Da stand dann irgendetwas von „süßes Kätzchen abzugeben“. Das süße Kätzchen entpuppte sich als hübsche, aber bissige 14jährige Katzendame, die in ihrem Zuhause nicht länger bleiben konnte, da der Liebste der Vorbesitzerin J keine Katzen mochte.
Das war Malo. Als wir sie das erste Mal sahen, fauchte sie empört, ansonsten versuchte sie uns zu ignorieren.
J sagte: „Ja, vielleicht könntet ihr sie erst mal auf Probe für zwei Wochen nehmen, wir sind bald im Urlaub und da böte sich das ja…“
F und ich stimmten zu und fuhren mit einem leicht mulmigen Gefühl nach Hause. Konnte das gut gehen?

Als J Malo zu uns brachte, war es sehr heiß und wir hatten außer einem apricotfarbenen Katzenklo nicht viel vorbereitet, es gab keinen Kratzbaum, nur alte Rattanstühle und improvisierte Schlafstätten und Verstecke. Malo hechelte entsetzt und verkroch sich hinterm Sofa. J war den Tränen nahe und erleichtert zugleich. Und ich kämpfte mit der bangen Frage ob empörte Hauskatzen Menschen lebensgefährlich verletzen konnten.
Darauf fanden wir keine Antwort, aber auch keine Nähe zur verstörten Malo, die außer J keinen Menschen zu mögen schien.

Als der Urlaub von J und ihren Liebsten vorbei war, rief ich bei ihr an und sagte: „Malo liebt dich. Ich glaube für uns alle ist es das Beste, wenn sie wieder zu dir kommt.“ In Gedanken stolperte ich über die Wahrheit: Und ich will nicht so eine Problem-Katze, ich will eine schmusige, zutrauliche, jüngere Katze.
Und da sagte J: „Wenn ihr sie nicht nehmt, kommt sie ins Tierheim. M hat erklärt, entweder die Katze geht oder er.“
Plötzlich hockte die Verantwortung neben mir und grinste hämisch. Ich wollte nicht mitverantwortlich dafür sein, dass eine 14jährige, chronisch bissige Katze bis zum Ende ihrer Tage in einem winzigen Tierheimkäfig hocken muss.
Später am Abend saß ich auf dem Balkon und beobachtete eine Sternschnuppe, die auf die schwarzen Friedhofswipfel fiel und wünschte mir: „Dass es klappt mit Malo und wir an den Aufgaben wachsen.“ Heute kann ich das schreiben, denn der Wunsch hat sich erfüllt.
In dieser Nacht am Ende des Sommers wurde mir auch klar, dass Malo haargenau so alt ist, wie Sofie wäre, wenn sie noch lebte.

Und also blieb Malo. Behutsam versuchten F und ich ihr die Scheu vor uns zu nehmen. Irgendwann saß sie bei F auf dem Schoß, irgendwann später schlief sie das erste Mal auf meinem Kopfkissen und sie spielte so gerne mit einen roten Bändel, liebte rohes Fleisch und Katzenminze und in der Nacht besang sie ihr Spielzeug, eine nicht mehr erkennbare Stoff-Kakerlake, die irgendwann in ihre Einzelteile zerfiel. Malo fand nie wieder einen Ersatz für Kakerlaki.

Jetzt sind es bald sechs Jahre, die sie bei uns ist. Heute sieht man ihr das Alter an. Seit zwei Tagen scheint sie sich von der Welt zurückzuziehen. Ich bin deshalb gestern mit ihr beim Tierarzt gewesen, man konnte nichts Auffälliges feststellen. Nichts außer das Normale: Sie ist fast blind, stocktaub, sehr wahrscheinlich dement und leidet an chronischem Nierenversagen. Das Alter hat sie milde werden lassen, sie beißt schon lange nicht mehr, lässt sich gerne streicheln und pflegt freundlichen Umgang mit unseren anderen Katzen.
Ich versuche mich darauf vorzubereiten, wie es sein wird, wenn sie einmal fort ist. Aber ich ahne, dass man das gar nicht kann.

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