Gruppenbild mit Kampfhund

Wir wohnen ja jetzt im Wedding, morgen sind es haargenau drei Monate. Vorher haben wir über sechs Jahre in Friedrichshain gewohnt und da ist uns – quasi aus Versehen – ein Zuhause angewachsen, das wir gar nicht erwartet hatten zu finden. Eigentlich wollten wir in Friedrichshain bleiben, aber die Mieten! Wahnsinn, wie die explodiert sind und ohne Maklergebühren geht nichts.
Also Wedding. Hier ist es günstig und die Wohnungen sind schön. Mit den Rehbergen, dem Schiller- und dem Goethepark findet man erholsames Grün und einen Badesee gibt es auch. Also Wedding.

Inzwischen kennen wir unseren neuen Kiez etwas besser, haben Freundschaft mit unseren Spätkauf-Menschen geschlossen und aufgehört, uns über diese absurde Anzahl von Wettbüros und Kasinos zu wundern. In schwachen Momenten denken wir darüber nach, ob Spielsucht nicht vielleicht eine hübsche Alternative sei, wo wir doch vor einer Weile das Rauchen drangegeben haben.
Unsere Hoffnung, das Schlimmste von Friedrichshain hinter uns zu lassen, nämlich 35köpfige Touristen-Teeni-Horden mit Koffertrolleys, hat sich leider nicht erfüllt. Auch hier befindet sich in Steinwurfnähe ein Youth Hostel. Wenigstens gibt es hier kein Äquivalent zur Simon-Dach-Straße.

Für Nicht-Berliner: Der Wedding gilt als schwieriger Bezirk. Jener Fussballspieler, der Ballacks Fuß kaputt trat, kommt aus dem Wedding und verleitete die Berliner Zeitung dazu einen Kommentar zu drucken, in dem erklärt wurde: Gut, der Mensch käme aus dem Wedding, aber es wäre doch wirklich zu einfach jetzt dieses brutale Foul damit zu erklären, dass er aus dem Wedding käme.
Aha.

(So, wie schlage ich jetzt den Bogen, dahin, wo ich eigentlich von Anfang an hinwollte?)
Neulich an der Togostraße Ecke Seestraße: Ein dicker, grimmig guckender Mann mit Migrationshintergrund sitzt mit seinem Kampfhund vor der Eckkneipe. Hinter mir höre ich die lauten Stimmen Pubertärer, ausgelassen galoppieren sie, einen Ball vor sich hertreibend, auf mich und den Kampfhund hinter mir zu. Sie sehen aus, als könnten sie in einer Boulevardsendung des Privatfernsehens auftreten, während eine Stimme aus dem Off erklärt: „Levin hat schon 100 Bewerbungen geschrieben und wurde immer abgelehnt. Außerdem hat er ein Drogenproblem und wurde wegen diverser Gewaltdelikte verhaftet.“

Der dicke Mann guckt noch grimmiger. Der Kampfhund zerrt an seiner kurzen Leine, die Mundwinkel des dicken Mannes reichen inzwischen bis unter sein Kinn, er verschränkt die Arme. Neben mir an der Ampel rotten sich die Jungen zusammen und dribbeln ihren Ball. Wir warten.
Diese Ampel ist eine biblische Plage, aber das sind die Ampeln in Berlin ja alle, nicht umsonst hat man die Ampelschaltung einem privaten Unternehmen überantwortet.
Plötzlich springt der Kampfhund auf, der dicke Mann lässt seine Leine los und ich denke: Oha.
Die lärmenden Kerle drehen sich zu dem Hund hin. Ich denke immer noch – oder wieder: Oha.
Und da fiept der Hund begeistert, die Jungen verlieren jede Scheu, wollen alle auf einmal den Hund streicheln, der mit seinem dürrem Schwanz wedelt, sich streicheln lässt und die Hände aller Beteiligten abschleckt.
Ich starre entgeistert auf diese Szene. Und jetzt lächelt der dicke Mann auch noch.
Als die Ampel endlich grün wird, gehe ich, den Blick über die Schulter gerichtet. Da beginnen die Jungen gerade mit dem Hund zu spielen.
Wahnsinn, denke ich und erinnere mich an diese Horde türkischstämmiger Jungs, die F und ich vor einer Weile beobachteten, wie sie sich in der Dunkelheit in einem Hauseingang rumdrückten. Just, als wir uns in die schönsten Spekulationen ihres kriminellen Treibens hineingesteigert hatten, erklärte sich ihr Verhalten: Sie drückten einmal auf alle Klingeln und rannten juchzend davon. Aus der Gegensprechanlage des Hauses konnten wir verwirrte „Hallo“-Fragen hören.

Das ist also der Wedding.

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5 Antworten zu Gruppenbild mit Kampfhund

  1. zettes schreibt:

    und noch viel bunter 🙂

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Ja! Wenn ich mal mein leidiges Heimweh nach F-Hain weglasse, dann muss ich sagen, fühl ich mich hier schon recht wohl. 🙂
    Und die Rehberge sind so wunderschön! Gefällt mir jetzt schon besser als der Volkspark Friedrichshain, obwohl ich doch dachte, dass ich den so schmerzlich vermissen würde. (ich vermiss ihn trotzdem)

    • zettes schreibt:

      Ich kann es dir nach empfinden, wenn ich Freunde im Wedding besuche hab ich auch heimweh. 🙂
      Die Rehberge ist so geil, so vielfältig, jetzt wo auch das Open Air Kino wieder offnen hat, der Möwensee ist wunderschön, die freiflächen, auf denen spielen sie hin und wieder mal Friesbee-Golf. Kannte ich vorher gar nicht.
      Noch zwei Tips zum einkaufen, falls ihr sie noch nicht entdeckt hab. Am U-Bhf Seestraße nähe Döner, bei Rossman findet ihr unten im Keller ein Asia-Supermarkt, super Ware, preiswert und frisch und nähe Kameruner vor dem Reichelt ist ein Türkischer Supermarkt da bekommt ihr aller beste Kräuter und Super Rinder-Lamm Hack sehr Preiswert. Ich fahr extra von Pankow zum Wedding um dort einkaufen zu gehen. 🙂

      • Lotta Gruen schreibt:

        Den Asiamarkt hab ich schon entdeckt – endlich wieder Sojasoße in Halbliterflaschen. Ich kann nicht kochen ohne Sojasoße.
        Danke für den anderen Tipp, werden wir sicher bald probieren.

  3. Sebastian schreibt:

    Da stand ich einmal in der Stadtbahn (das ist schwäbisch für U-Bahn) und war auf einmal umringt von DSDS-Tussis, so schien es mir zumindest, und dachte mir, Junge, warum hast Du jetzt keinen mp3-Player dabei, der Dir Chopin vorspielt oder die toten Crackhuren, und stellte mich auf Dialoge ein im Sinne von „Ey Jenny, setz dich hin, Du Fotze *loooool*“. Und dann unterhalten die sich über die Serie Mord ist ihr Hobby und wie toll die ist.

    The youth is starting to change, oder eben auch nicht.

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