Patriotismus

Ich hatte schon fast wieder vergessen, wie abstoßend ich die Farbkombination Schwarz, Rot, Gelb finde. Jetzt geht das wieder los. Angeheizt vom Eurovision Song Contest und in ein paar Tagen ist schon WM.
In der Nacht des ESC klang aus mindestens einer Eckkneipe die Anmerkung: „Geil. Das ist so geil! Lena is so geil! Wir sind so geil! Jetzt gewinnen wir auch die WM.“
Ich hoffe nicht.

In den konservativen Feuilletons werden sich die grauen Herren wieder darin ergehen zu erklären wie gesund, natürlich und wunderbar Nationalstolz ist und wie ewiggestrig eben jene sind, die das nicht finden. Als angeblicher Beweis wird herhalten, dass ja alle anderen auch ihre Fahnen schwenken. Und diesmal haben die Feuilletonisten die charmante Lena im Gepäck. Denn wenn eine wie sie, jung, völlig unpolitisch, außerdem von Europa geliebt, Spaß an nationalen Symbolen demonstriert, dann ist das doch reizend und harmlos. Dann kann das doch nicht verkehrt sein.

Und ich werde wieder denken, was es für ein Gewinn war, als deutscher Patriotismus zu Recht in der Schreckenskiste der Geschichte verstaubte.
Ich habe das Fehlen desselben immer als wichtige Lehre betrachtet, die aus der NS-Zeit gezogen wurde. Ein Fortschritt also, auf den man ernsthaft stolz sein konnte.
Leider stellte sich ja vor vier Jahren heraus, dass der Rest das nicht so sah, sondern bloß aus simuliertem Anstand darauf verzichtet hat, bis man kollektiv zu dem Schluss kam, nun dürfe man wieder.
Was für ein erbärmliches Trauerspiel.

Und wieder fahren die Autos mit ihren Deutschlandfähnchen rum und wieder zuckt es mir in den Fingern diese hässlichen Lappen von ihren Stängeln zu reißen.

Und wo ich grad bei der Schrobsdorff bin. Eine ihrer ersten Äußerungen, die ich von ihr las und in der ich mich sofort Zuhause fühlte, war eben jene:

Ich halte die Neonazis für eine unglückselige Gattung dummer Kerle, die mit Gewalt in die Medien wollen. Ich hoffe, nicht mit ihnen in Berührung zu kommen. Bedroht habe ich mich nur einmal gefühlt, nach dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Ich saß mit einer Freundin auf dem Kudamm im Autostau fest, umringt von kreischenden, fahnenschwenkenden Horden. Doch das waren keine Neonazis, sondern biedere, deutsche Bürger, die ihr aufgestautes Selbstvertrauen wiedergefunden hatten.

Bild: arne.list (cc)

Nachtrag:
Ich hab drüben bei Rosa einen Kommentar geschrieben, in dem ich mich mehr inhaltlich mit meiner Abneigung gegen patriotisches Gebaren auseinandersetze.

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8 Antworten zu Patriotismus

  1. rosa67 schreibt:

    Oh, ich glaub, ich schreib dazu grad noch was in mein Blog, also zu schwarzrotgold 🙂

  2. Pingback: National und so und überhaupt « Kinderkram – Der Ex-WutzBlog

  3. Kermit schreibt:

    Das Grauen habe ich auch gestern wieder auf der Straße gesehen und da fiel es mir ein, wie du auch schreibst, bald wird es schlimmer.
    Aber ich hatte ja neulich meinen persönlichen Triumph in einer Kneipe in Kreuzberg. Es war der Tag vom Endspiel München-Inter…erschreckender Weise waren fast alle Gäste dort Fans des deutschen Clubs, auch gerne mit Deutschlandtrikot. Hätte ich nicht gedacht hier im Preußenland.
    Mag mir gar nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn München gewonnen hätte, aber das haben sie ja nicht und ich verließ die Kneipe mit einem Lachen auf dem Gesicht 🙂

    • Lotta Gruen schreibt:

      Haha. Kermit. Schön, dass du hergefunden hast. 🙂
      Wegen des Preußenlands: Ich hab ja die Erfahrung gemacht, dass die Preußen den Bayern einigermaßen verziehen haben, dass sie Bayern sind, was ich von den mir bekannten Bayern nun wirklich nicht behaupten kann.

  4. etotheitheta schreibt:

    Ich verstehe Deine Abneigung gegen Patriotismus sehr gut und die sich offenbar historisch abnutzende Idee einer Aufteilung von Gebiet und Menschen mit Hilfe des Begriffs des Nationalstaates offenbart sich als Anachronismus seit den willkürlich gezogenen Grenzen im Nahen Osten durch die ehemaligen Kolonialmächte. Zeigte und zeigt sich hier nicht bis zum heutigen Tage die häßliche Fratze des „divide et impera“ in aller Unverfrorenheit?
    Was allerdings Schwarz-Rot-Gold, Fußball und den Feuilleton betrifft, steh ich etwas wie der Ochs vorm Berg, da ich üblicherweise keines dieser Dinge regelmäßig in Gebrauch nehme…nur was ich sehe, ist, dass die heutige Kulturindustrie eine Durchdringung, ja zum großen Teil gar eine Konstituierung unserer Lebensformen in solcher Gründlichkeit fertiggebracht hat, dass offenbar das Angebot des „Amüsement“ immer auf Nachfrager trifft. Denn: „Es wird von dem gesucht, der dem mechanisierten Aebeitsprozeß ausweichen will, um ihm von neuem gewachsen zu sein.“ (Adorno/Horckheimer) Und wie nennen wir einen solchen Menschen: einen biederen Bürger! Also den kleinsten Baustein eines Nationalstaates oder einer kapitalistischen Gesellschaftsform. Und die eigentlich offensichtlich absurde Gestaltung des Angebots wird gar nicht mehr vertuscht oder bestritten: „Die Wahrheit, dass [Radio und Fernsehen] nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen.“ (Nochmal die bissigen Hunde von vorhin) Und einen lieben Gruß!

  5. etotheitheta schreibt:

    Ach und vielleicht ist dieses zum Thema WM von Interesse:

    Der Begriff „public viewing“ wie er heutzutage das Aufstellen von Leinwänden auf öffentlichen Plätzen zur massenweisen Bespaßung von Fahnenschwenkern und Biertrinkern bezeichnet, diente in seiner Geschichte einst als Synonym für „öffentliche Hinrichtung“ – na, denn! Lämmer zur Schlachtbank! Jeder nur ein Kreu…äh…Fähnchen!

  6. Pingback: Patriotismuskritik, die unauffindbare | Ratlosigkeit und Katzen

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