Angelika Schrobsdorff, die Katzen und ich

An einem Winterabend vor über drei Jahren kam F aus der Eckvideothek, in der er eine Weile sein Geld verdient und viel Merkwürdiges erlebt hat, und sagte: „Eigentlich mag ich vergrätzte alte Frauen nicht, aber diese ist großartig, die wird dir gefallen.“ Sprach’s und begann mir ein langes Interview vorzulesen, dass die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff der Berliner Zeitung gegeben hatte: Es stirbt sich bequemer in Berlin
Das ist nichts Ungewöhnliches, wir lesen einander immer viel vor, aber trotzdem veränderte es diesmal mein Leben.
Das fängt schon einmal damit an, dass die Schrobsdorff ernsthaft und aus vollem Herzen Katzen liebt und es in ihren Romanen einige der schönsten literarischen Katzendarstellung gibt.

Ein Beispiel aus ihrem Roman „Jerusalem war immer eine schwere Adresse“, das mir in dem Moment da ich es las, für immer ins Herz ging:

Schon an der Tür erkannte sie, dass ich in einem Zustand innerer Auflösung war, stellte den Teller mit appetitlich angerichtetem Katzenfutter, den sie in der Hand hielt, auf eine Tischchen, legte den Arm um meine Schulter und sagte: „Darling, was ist los?“
Die vier Katzen, die mit ihren winzigen Gesichtern, kurzen, stämmigen Beinen und langhaarigen, kühn gemusterten Pelzen Fabelwesen glichen, schwirrten mit zuckenden Schweifen, tänzerischen Schrittchen und kleinen Schreien durcheinander. Es sah aus, als hätte ein Windstoß einen Haufen Schnee und trockenes Laub aufgewirbelt.
„Gib ihnen erst zu essen“, sagte ich, „Katzen sind das einzig Lohnende in der Welt.“

Nach dem Interview jedenfalls, dass ich – als F es zu Ende vorgelesen hatte, gleich noch einmal las – nach diesem Interview also bestellte ich mir sofort ihr Buch „Du bist nicht so wie andere Mütter“. Darin verarbeitet sie das Leben ihrer jüdischen Mutter. Der erste Teil dieses Lebens ist wohlbehütet im jüdischen Bürgertum, der zweite Teil schillernd, mit allen Konventionen brechend und der dritte Teil schließlich ist mit dem Ausdruck „zum Gotterbarmen“ nicht annähernd beschrieben.

Die Schrobsdorff hat eine Art Empathie zu wecken – großartig. Sie vereint in sich eben jene Eigenschaften, aus Menschenverdruss und Mitgefühl, Weltliebe und Pessimismus, Ironie und Ernsthaftigkeit, Aufmerksamkeit und Reflektion, die ich bei Künstlern und Intellektuellen sehr schätze und von denen es leider immer zu wenig gibt.

Innerhalb von fünf Monaten las ich Angelika Schrobsdorffs gesamtes Werk und dabei schaffte diese Frau es, mir eine innere Heimat zu geben aus der heraus ich mich auch im Rest der Welt einigermaßen einrichten konnte. Ironischerweise sie, die ihr Leben lang auf der Suche nach einer guten Heimat gewesen ist und sie bis zuletzt nicht gefunden hat.

Besonders nahe ist mir ihr Buch „Die kurze Stunde zwischen Tag und Nacht“ von 1978. Dort schildert sie, wie sie versucht mit Europa abzuschließen um im ihr sicher erscheinenden Israel heimisch zu werden. Und wie das verunmöglicht wird von der Liebe zu Claude Lanzemann, der sein Paris nicht aufgeben mag. Und dazwischen bricht der Wahnsinn immer wieder durch, den der zweite Weltkrieg, das Leben im Exil, der Verlust ihrer gesamten Familie innert weniger Jahre, die tiefsitzende Einsamkeit ihres Lebens, hinterlassen haben.
Und hier sind auch schon die ersten Triebe ihrer späteren Kritik an der israelischen Politik zu erkennen, die ihr seit der ersten Intifada immer ein Anliegen war. Oder vielmehr: Nicht allein die Kritik, vor allem die Gerechtigkeit.
Sie ist so eine große Denkerin, die sich nie von irgendetwas hat vereinnahmen lassen. Vermutlich auch durch die Außenseiterposition, in der sie ihr Leben lang geblieben ist, weil sie es von Anbeginn an war.

Als Anfang der 1960er Jahre ihr erstes Buch „Die Herren“ erschien, sollte es erst verboten werden und wurde dann arg zensiert gedruckt. Begründung war, sie als Jüdin schildere sich selbst derart unsympathisch, dass sie Antisemitismus provoziere.
Was für ein dreister Unfug.
Der Roman ist schonungslos, das wohl. Er ist selbstironisch, umfangreich, verzweifelt, suchend. Und er lässt kein gutes Haar an der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Dafür waren die Eliten und ein Gutteil der Bevölkerung wohl nicht bereit.

Am 18. Januar 2008 haben F und ich sie bei ihrer wahrscheinlich letzten Lesung im Jüdischen Museum gesehen und neben mir saß der Gedanke: Diese Frau ist so wichtig, für Menschen wie sie müsste das Leben mindestens doppelt so lang sein!
Sie selbst würde diesem Gedanken sicherlich vehement widersprechen.

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8 Antworten zu Angelika Schrobsdorff, die Katzen und ich

  1. christa siebert schreibt:

    heute habe ich mal wieder ein starkes gefühl zu „du bist nicht so wie andere mütter“, dieses wunderbare buch, das ich über einen zeitraum von ca. 6 jahren 3 mal gelesen habe, fast alle anderen auch, und immer anders gelesen habe, sozusagen mit anderen schwerpunkten. ich tauche jedes mal ein in die welt der damaligen zeit und in diese gutbürgerlichkeit mit ihrer traditionellen offenheit, es fasziniert mich, und es macht mich immer wieder traurig, dieses deutschland der nazis und auch neonazis.

  2. christa siebert schreibt:

    ich liebe das buch „du bist nicht so wie andere mütter“, die sprache, die geschichte dieser dort geschilderten menschen, so unterschiedlich wie sie sind, mir ist else sehr nah und auch der gute, immer wieder ziehe ich parallelen zu meiner familie, die ähnlich verrückt zusammengesetzt ist, ich mag auch die anderen bücher, auch sehr!!!!!!mit meiner tochter, die diese bücher auch liebt, habe ich alle strassen in berlin und auch pätz abgeklappert, und wir waren sehr zufrieden, verbunden, und ich muss unbedingt angelika schrobsdorff noch einmal erreichen, bevor sie nicht mehr da ist. aus katzen mache ich mir garnüschts, aber das macht hoffentlich nichts…

  3. renate tresse-wildenhain schreibt:

    Ich habe Frau Schrobsdorff 2008 besucht. Nachdem ich Ihre gesammelten Werke „verschlungen“ habe, hatte ich den Verlage angeschrieben und wollte sie bei einer Lesung erleben. Statt dessen hat der Verlag meine Mail an sie wietergereicht und sie hat mit mir Kontakt aufgenommen, mich zu einem Besuch eingeladen.
    Fazit: Sie ist wie sie schreibt: unbarmherzig und gnadenlos – auch sich selbst gegenüber! Sie hat viel erlebt und ist am Leben verbittert.
    Sie sagt, dass sie oft verliebt war aber wirklich Liebe nie kennengelernt hat. Traurig!
    Eine beeindruckte Frau! Ein Wochenende in Berlin, dass ich nie vergessen werde.

  4. Lotta Gruen schreibt:

    Oha, das scheint hier zu einem Wettkampf der Schrobsdorff-Faninnen zu werden: Wer war ihr am nächsten?

    Okay, abgeschlagen auf dem letzten Platz: Christa Siebert. Sie ist nur ein bisschen durch Berlin gelatscht. Das kann jeder Berliner jeden Tag. Und nicht zu vergessen, der fehlende Draht zu den Katzen.

    Zweiter Platz geht unbescheiden an mich: Immerhin bei einer Lesung hab ich die Schrobsdorff gesehen. Wenn auch von ganz hinten. Dafür teile ich die Katzenliebe.

    Und erster Platz uneingeschränkt: An Frau Renate Tresse-Wildenhain. Wenn auch keine Berlinerin, so hat sie immerhin doch Frau Schrobsdorff persönlich getroffen. Wie ihre Beziehung zu Katzen aussieht bleibt aber leider im Dunkeln.

  5. Angelika Lippmann schreibt:

    Ich liebe die Bücher, die Angelika Schrobsdorff geschrieben hat!
    Durch Zufall (ich weiß heute nicht mehr, welcher es war) bekam ich das Buch „Du bist nicht so wie andere Mütter“ in die Hand. Ich habe es verschlungen. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war ich „süchtig“ nach den anderen und kaufte mir alle, die jemals von ihr geschrieben wurden. Nicht eines hat mich enttäuscht!
    Angelika Schrobsdorffs Schreibstil spricht mich sehr an. Es fällt mir leicht, mir die beschriebenen Personen vorzustellen und mich in die jeweils beschriebene Landschaft und die Orte hineinzuversetzen. Großartig! Ich habe durch einige dieser Bücher mehr darüber erfahren, wie sich die Situation der Palästinenser in Israel darstellt. Das hat mich sehr berührt.
    Die Beschreibungen der Katzen gefallen mir als Katzenliebhaberin sehr.

    Angelika Schrobsdorff stellt sich mir als eine stolze, distanzierte Frau dar, die sich von nichts und niemandem jemals unterkriegen lassen würde.
    Ich bedaure es sehr, dass sie nicht noch mehr Bücher geschrieben hat und würde ihr sehr gern einmal persönlich sagen, wie viel mir ihre Bücher bedeuten. Leider besitze ich weder ihre Adresse in Berlin noch eine Mail-Adresse, schade!

  6. Hannelore Pfaff schreibt:

    Die Bücher von Angelika Schrobsdorff sind meine absolute Lieblingslektüre. Als erstes las ich „Die Reise nach Sofia“, das mich sehr berührte. Danach wurden alle weiteren Bücher von Frau Schrobsdorff für mich zum Suchtfaktor. Nach und nach erwarb ich fast alle, um sie ständig um mich zu haben und sie wieder und wieder zu lesen.
    In dieser Woche werde ich ihre Bücher Literaturinteressierten Frauen in meinem Heimatort vorstellen. Es wäre schön, wieder einmal ein neues Buch von ihr in den Händen zu halten.
    Ich wünsche Frau Schrobsdorff für das eben begonnene Jahr alles Gute, beste Gesundheit und vielleicht auch wieder Freude am Schreiben.

  7. Nicole Chervet schreibt:

    Ich bin zum wiederholten Mal im Schrobsdorff-Lese-Rausch – diesmal ausgelöst durch die Lektüre von Claude Lanzmanns grossartige Memoiren „Der patagonische Hase“. Allerdings hätte ich mit gewünscht, darin mehr über dessen Zeit mit Angelika Schrobsdorff zu erfahren.

    Schrobsdorffs Leben ist in ihren Büchern und autobiografischen Romanen ja gut dokumentiert. Was mich aber brennend interessieren würde, ist die Zeit nach Erscheinen der „Herren“. Was genau löste den Skandal aus? Wie hat sie ihn erlebt? Wie haben Freunde, Familie und ihr Sohn darauf reagiert? Diese Frau war ihrer Zeit dermassen voraus – vor allem die Edisode „Sporer“ hat mir grossen Eindruck gemacht …

  8. Ruth schreibt:

    Hallo, ich bin ein bißchen spät dran, erst jetzt auf diesen blog gestoßen, möchte aber trotzdem schnell sagen, wie es mich freut, dass es noch mehr Schrobsdorff-Anhängerinnen gibt – ich glaube, Männer können mit ihren Büchern nicht so viel anfangen. Ich habe ihren ersten Roman mit 14 – verbotenerweise – gelesen und war von da an absolut süchtig nach ihren Büchern. Als sie noch in Jerusalem lebte, habe ich sie zweimal besucht und darüber ein Autorenprotrait in den „Frankfurter Jüdischen Nachrichten“ geschrieben. Wir haben einiges miteinander getrunken an diesen Nachmittagen und uns wunderbar unterhalten. Sie ist eine wirklich tolle Frau, wenn auch in ihrer Bitterkeit manchmal verstörend. Viele Grüße, Ruth

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