Wedding, deine Kinder

Gestern waren F und ich im Baumarkt. Mal wieder, diesmal Gardinenstangen zurückbringen, die vom Gardinen-Drama übrig geblieben – Ach, fragt nicht.
Das hat sich seit unserem Umzug zu einer leidigen Tradition ausgewachsen; Samstag, Baumarkt, wir.
Und wieder einmal ist mir heute aufgefallen, Baumärkte sind Zeitlöcher. Man fällt in sie herein und bewegt sich fortan in Zeitlupe, selbst das Kaufen eines Päckchens Dübel frisst Stunden. Während man durch die langen, breiten, grauen Gänge des Baumarkts schlappt, ist alles einzig Verwirrung. – „Was wollten wir hier eigentlich?“ Und wenn mir dann einfällt: „Ich brauch doch noch eine Geranie!“ Dann bedeutet das: Vom einen Ende zum anderen Ausgang. Ein langer Weg für Zeitlupenschritte. Und selbst wenn ich meinen energischen Berlin-Friedrichstraße-Berufsverkehr-Touristengewühl-Gang einsetze, vergehen Stunden ehe ich mit der einen einzigen Geranie wieder an der Kasse am anderen Ausgang stehe. Aber ich muss unbedingt wieder zu diesem Ausgang, denn der andere ist nur für Autofahrer.

Ja. Diesmal war alles noch viel langsamer und mühsamer als sonst. Und das kam so:
Als F und ich Seestraße zur U6 herabstiegen, waren wir noch frohen Mutes: Okay. Baumarkt. Und Gardinenstangen in der Hand. – Aber eben auch Wärme und Samstag und Spargel und Erdbeeren.
Am Fuß der Treppen des U-Bahnhofes saß eine schmächtige Punkerin, vor sich ein Plastikbecherchen für Geldspenden. Im selben Moment als ich mich mit der Frage befasste der Punkerin Geld zu spenden, brüllte ein riesiger Mann irgendwas. Ob er hinter oder vor uns war, weiß ich gar nicht mehr. Nur dieses Brüllen, von Aggression gepeitscht, die einem unter die Haut kriecht, bis tief in die Knochen hinein und auf einmal ist jeder Schritt Unsicherheit.

Ich weiß auch nicht mehr was er brüllte, irgendwas von Eis, das sie nicht verdient habe, asozial, arbeiten solle sie gehen, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Asozial, asozial, asozial.
Es ist schade, dass mir der Hass dieses Mannes nicht mehr in Worten präsent ist.
Der Mann war groß, breit und besoffen, weiß der Teufel was noch. Er trug schwarz, einen lachhaften Kapuzenpulli auf dem „Hauptstadtkind“ stand. Sein rechtes Auge fehlte ihm, die Haut war über der Augenhöhle zusammengenäht worden und verwachsen. Ein vielleicht 40jähriger Deutscher. Ein Hauptstadtkind.
Er drängte immer näher an die Punkerin, die sich mit angstvollen Augen an die Wand drückte.
F rief: „Lassen Sie die Frau in Ruhe.“ Ich lief zu der Punkerin, warf ihr kopflos bergeweise Kleingeld in den Becher und blieb bei ihr stehen. Keine Ahnung wieso, ich hätte ja doch nichts machen können.

Hauptstadtkind wollte plötzlich nichts mehr von ihr, sondern wandte sich zu F um und begann nun ihn anzubrüllen. Schwuchtel, brüllte er wiederholt, du dummer Student, mit deiner Hennes und Mauritz-Hose, wie du aussiehst! Ich steck dir gleich jede Stange einzeln in deinen Arsch!
Nun lief ich zu F, schob mich vor ihn, zwischen Hauptstadtkind und ihn, starrte dem Riesen böse in die Augen. Aber der sah durch mich hindurch und ich traute mich nicht den Mund zu öffnen.

Plötzlich hatte Hauptstadtkind genug gebrüllt, irgendwo auf dem U-Bahnhof war noch ein Kumpel von ihm (ein irritierend gepflegter junger Mensch, wie ich später bemerkte) und er taumelte, in seinen Bewegungen an ein dickbäuchiges Steh-auf-Männchen erinnernd, um das Kioskhäuschen, aus unserem Blickfeld. Während er dahin wankte, hatte F der Kiosk-Dame irgendwas mit Polizei zugeraunt. Ich weiß auch das nicht mehr so genau, erinnere mich vor allem an die Kälte in meinen Knochen und das Herzklopfen in meiner Kehle.
Aus den Tiefen des Kioskhäuschen bestätigte ein leises Stimmchen Hilfe gerufen zu haben, in meinen Ohren rauschte das Blut. Geistesabwesend und etwas wahnsinnig wiederholte ich wieder und wieder: „Ja, das ist der Wedding, das ist nicht mehr Friedrichshain. Das ist der Wedding, das ist nicht Friedrichshain.“
Die Hilfe kam nicht, dafür kam Hauptstadtkind zurück, diesmal von der anderen Seite des Kiosks, trat von hinten an F heran und schrie nun, er wolle sehen wie er die Polizei riefe, das wolle er wirklich sehen, wie die Schwuchtel die Polizei rufe. Und bevor die Schwuchtel die Polizei rufe, da schlage er die Schwuchtel schon tot.
Zwischendrin taumelte er zu der winzigen Punkerin, brüllte Dinge, die ihr jedes Lebensrecht absprachen. Sie wurde immer blasser und schien ebenso zu zittern wie ich. Dann ging er wieder auf F und immer noch kam niemand, sagte sonst keiner was, auch mein Mund war zugenäht worden.
Bis mittlerweile die zweite U-Bahn, seit wir in diese ratlose Situation geraten waren, einfuhr und der Buddy des Hauptstadtkindes brüllte: „Nu komm endlich! Ey, kommst du jetzt wohl!“

Ich wollte nach der Polizei rufen, lange schon, aber ich hatte mein Handy Zuhause gelassen und selbst wenn ich es mitgehabt hätte – hätte ich mich getraut?
Ich wollte, dass der Riese fortging, aber ich wollte nicht, dass er davon kam.
Und dann war er weg. In die U6 Richtung Tegel gestiegen. Wir sahen dem Zug nach, immer noch schweigend, das Herz im Hals, begafften wie sich die Türen schlossen und sich Hauptstadtkinds Aggression in der U-Bahn ausbreitete.

Die versprochene Hilfe kam übrigens auch 20 Minuten danach nicht. Leider hatte die Kiosk-Dame nicht die Polizei sondern die BVG-Security gerufen. Wir haben dann im Kiosk unsere Telefonnummer hinterlegt, für den Fall, dass Zeugen gebraucht werden.

Tatsächlich hat uns das den Rest des Tages erschwert. Erst einmal den Schreck verkraften und dann auch noch das Fenster schließen, das sich da geöffnet hatte zu dieser Welt aus Gewalt, Selbsthass und uralter Wut.
F meinte, das sei nicht der Wedding, in Friedrichshain sei ihm schon ähnliches begegnet.
Dennoch man merkt es, hier ist die Welt noch ein Stück weniger heil, als in Friedrichshain. Und daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

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3 Antworten zu Wedding, deine Kinder

  1. rosa67 schreibt:

    Oh! Jeh! Ich kann mich in diese versteinerte Situation hineinversetzen. Ihr habt aber eine bewundernswerte Zivilcourage gezeigt, auch wenn die Situation bedrohlich war. Der kleine Wutz und ich fahren täglich mit den Öffis, und vor dieser Situation ist mir auch immer wieder bange. Früher, so ohne Wutz, habe ich es manchmal auch geschafft, mutig zu sein, aber das letzte Mal geriet ich mit Kind in eine Situation, wo ich mitbekam, dass ein Mann in aller Öffentlichkeit anfing, seine Partnerin zu verdreschen. Ich hatte ebenfalls kein Handy dabei und konnte nicht viel anderes tun, als einfach weiterzugehen (mit Säugling im Kinderwagen ist man irgendwie sehr verletztlich), aber ich hätte gedacht, dass einer der kinderlosen Passanten wohl mal eingreift. Weit gefehlt.

    Wenn ich in so eine Situation wie hier geraten wäre, zumal mit Wutzkind, hätte ich Panik geschoben, dass das Kind die Aufmerksamkeit des feisten Hauptstadtkindes auf sich zieht.

    Und beim Lesen erinnerte ich mich an das (grandiose und tottraurige) Lied von Konstantin Wecker (ich weine beim Hören jedes Mal): Gestern ham sie den Willi erschlogn …

    Viele liebe Grüße!

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Heut haben wir die Punkerin beim Einkaufen getroffen. Sie war ganz vergnügt und hat sich gefreut uns zu sehen. Das war schön.
    Sie hat erzählt, dass der Securitymann von den Berliner Öffis 15 Minuten nachdem wir gegangen sind, also fast eine 3/4 Stunde nachdem der Notruf getätigt wurde, eingetroffen ist.
    Great.
    Hauptstadtkind ist wohl öfter an der U-Bahnstation unterwegs, aber so, meinte die Punkerin, so hat sie ihn noch nie erlebt.

    Ja, liebe Rosa, ich hoffe so was passiert keiner von uns, besonders nicht mit Kind.

    Lieben Gruß zurück, heut war ja Sommer! War das göttlich.

  3. zettes schreibt:

    Hi 🙂
    schön das du zivilcourage gezeigt hast. Sowas ist nicht leicht und benötigt mut und bringt einen ja selbst in Gefahr. Ich wohne hier in Pankow und hatte mal mehere Jahre unweit der Müllerstraße gewohnt. Ich kenne also die gegend.
    Von mir ein paar Tips als Anregung, weil ich denke die Polizei selbst zu rufen funtz einfach nicht so, bis man denen am telefon alles erzählt hat man sich da eher eine Eingefangen und kann selbst den Hilferuf gar nicht mehr absetzen.
    In den Öffis helfen die SOS Notruf Säulen ganz gut, hier brauch man nicht lange reden, da beim betätigen des Knopfes die Video Überwachung zugeschaltet wird oder auch, je nachdem, die Notbremse auf bahnsteigen oder im Zug helfen [achja viele wissen das nicht, beim ziehen der Notbremse, fährt der zug bis in den nächsten bahnhof]. Das erzeugt viel Aufmerksamkeit und ein schreiten von Personal.
    Andere Passaten ansprechen, dann aber direkt „Sie da, mit der Roten Jacke, bitte helfen sie mir!“ Bloß nicht allgemein eine Gruppe von Leute ansprechen, dann fühlt sich keiner verpflichtet, da wartet jeder einzel nur darauf das einer anderer den ersten schritt macht.
    Bei einen Pärchen, nicht den starken Mann um Hilfe zu bitten, sondern seine Frau, dadurch fühlt sich der Mann viel mehr genötigt Helfen zu müssen und sonst auch liebe Frauen um Hilfe bieten, da die hemm schwelle von solche stresser typen höher ist eine Frau in der Öffentlichkeit zu schlagen.

    ja, nur mal so als Anregung.

    achja, schöne schreibe. 🙂

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