Mit dem Geisterpark auf Du und Du

Im letzten Sommer beschlossen F und ich es sei im Frühjahr 2010 an der Zeit alles mal ein bisschen zu verändern. Neue Wohnung, einfach vergrößern, wir hams ja.
Und irgendwann heiraten. Mit F verheiratet sein darauf freue ich mich. Nach 7 1/2 Jahren Liebe erscheint es mir nur natürlich. Aber ans Hochzeiten mag ich gar nicht denken. Hochzeiten, das ist so beladen mit allem. Mit viel Geld-zum-Fenster-Rauswerferei, Verwandte, die einander zerhacken wollen oder die man irgendwann selber zerhacken will, Erwartungen, die nur mit einem gepflegten Rausch in erträgliche Bahnen gelenkt werden können.
Oder wir brennen durch und dürfen uns für den Rest unseres Lebens mit Vorwürfen herum plagen.
Ja. Daran denken wir irgendwann einmal.

Derzeit lassen F, die Katzen und ich den Umzug sacken. Inzwischen sind fast drei Monate vergangen seit wir an dem einen Morgen in der Friedenstraße aufwachten, umgeben von Kisten und Kisten und ratlosen Brettern, die vormals Schränke und Regale gewesen waren, und uns am Abend schlafen legten auf einer nackten Matratze, die in einer Wohnung lag, in der es weder Spüle noch Kochfeld noch Küchenschrank und keine Türklinke an der Badtür gab.

In der ersten Nacht wurde ich wach, weil die Luft extrem trocken und kratzig war. Ich glaubte zu ersticken und bereute den Umzug bitterlich. Dank der Kälte konnten wir uns nicht einmal trauen ausdauernd zu lüften.
Wie sich herausstellte war das der Holzstaub, der mich bereuen machte, noch vom Dielenschleifen. Offensichtlich war es den Handwerkern nicht in den Sinn gekommen Heizkörper oder ähnliches abzudecken. Die haben sogar die Therme in der Küche kaputt gekriegt mit ihrem Staub, wie mir unser depressiver Hausverwaltungsmann mitteilte. Herr F.
Herr F ist immer entsetzlich bedrückt und alle stören ihn bei allem. Und wenn ihn keiner stört, dann muten ihm alle zu viel zu.
Wenn man mich mit hängenden Schultern und tieftraurigem Blick durch die Gegend schlurfen sieht, dann ist es gut möglich, dass ich vorher mit Herrn F gesprochen habe.

Der Umzugstag selber war dank vieler helfender Hände nicht schlimm. Schlimm waren bloß die zwei Wochen vor und vier Wochen nach dem Umzug.
Ein Drama in 80 Akten:
Das Arcor-Drama
Das Küchen-Drama
Das Nachmieter-Drama
Das Katzen-Eingewöhnungsdrama
Das Holzstaub-Drama
Das Drama mit der neuen Hausverwaltung
Das Wasserschaden-Drama
Das BSR-Drama

Ach. Man möchte sprechen, es ist nicht möglich!
Um Trost zu finden habe ich nach „umzug alptraum“ oder „umzug schrecklich“ gegoogelt. Ich war fest davon überzeugt es müsse Millionen Ergebnisse geben, aber dem war leider nicht so. In der virtuellen Welt fühlte ich mich allein.
Wenn auch im RL fast jeder uns sein Beileid bekundete, ausgenommen mein Chef, aber der zählt nicht, der ist ein Opfer des Neurolinguistischen Programmierens und hat sich seine Gefühle wegprogrammiert. Für den ist alles „Daumen hoch!“.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Um uns nicht gar so einsam zu fühlen, guckten wir uns mal wieder „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ an. Bei den Semmelings war auch alles schief gegangen.
Und mein Vater erklärte rundweg, dass alles schief gehe sei doch der Normalfall.

Jetzt wohnen wir im Wedding und nicht mehr in Friedrichshain. Ich kann nicht länger als Absender „Friedenstraße“ auf meine Briefe schreiben, werde nie wieder so vertraut mit unserer chronisch schlechtgelaunten Edeka-Kassiererin Frau L sein oder mit Mutterstolz an dem kleinen Lavendelfeld vor der Backsteinkirche vorbei spazieren.
Der Weiher im Volkspark, die Gewitter über dem Friedhof, die Bänke im Geisterpark, das alles gehört jetzt anderen – ja mein Gott, außer F und mir und ein paar Vertrauten, weiß überhaupt niemand, dass der kleine, von der Auerstraße, Löwestraße und dem Weidenweg begrenzte Park Geisterpark heißt!

Der heißt nämlich so weil F und ich an einem Sommerabend 2004 noch zum Späti in der Mühsamstraße sind. Bierkaufen, whatever. Es war schwül und dämmrig hell. Gegen den halbdunklen Himmel erhoben sich die Wipfel der Pappeln und rauschten geheimnisvoll. Es duftete nach Linden und Straßenstaub. Und während ich in der Mitte des kleinen Parks stand, es um mich herum rauschen und knistern hörte, der Wind immer stärker zunahm, trockene Blätter in der Luft tanzten und ein leises Grollen durch die Wolken rollte, da war ich, die ich mit übersinnlichen Klumpatsch wenig anfangen kann, für einen Moment von Geistern überzeugt.
Und deswegen Geisterpark. Aber das weiß ja keiner.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Zuhause abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Mit dem Geisterpark auf Du und Du

  1. rosa67 schreibt:

    Ich freu mich, dass es jetzt diesen Blog gibt. So schön geschrieben 🙂

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Danke!
    Aber mir ist aufgefallen, dass ich hier bisher doch recht schnoddrig schreibe, mit zu vielen Unds und fauler Rechtschreibung und so. Da will ich nun wieder mehr drauf achten – aber irgendwie, es ist erholsam mal nicht akkurat und fein formuliert schreiben zu müssen.

  3. Pingback: Gruppenbild mit Kampfhund | Ratlosigkeit und Katzen

  4. Pingback: Vergessene Jubiläen und ein schwarzer Kater | Ratlosigkeit und Katzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s