Medium, aus der Nähe betrachtet

Derzeit ist ja die Zeit der Serienfinale. Also Sommerpause bei vielen US-Serien. Lost, Fringe, FlashForward und Medium begleiten F und ich aktuell in ihre Pausen bzw. die ewigen Jagdgründe.

Und gestern eben das Staffelfinale von Medium. Wieder stand die Serie auf der Kippe, wieder wurde sie von CBS gerettet. Als wir sie seinerzeit begannen zu gucken, hätte ich nicht gedacht so lange dabei zu bleiben.
Anfangs war es nur die bezaubernde Patricia Arquette und, da wir die ersten Staffeln auf deutsch guckten, meine ewige Lieblingssychronstimme Ulrike Stürzbecher (und um diese Stimme zu hören, habe ich vor Jahren sogar die Magersuchts-Serie St.Tropez geguckt!), weswegen wir dabei blieben. Denn Medium in seinen Anfangszeiten war fast schon eine Beleidigung: Todesstrafe -Hurra! Kaum Entwicklung der Charaktere, fast jede Folge glich der nächsten. Und insgesamt wurde allzu deutlich, dass die Zielgruppe sich aus permanentparanoiden, us-amerikanischen Mittelschichtlern zusammensetzte.

Ein Beispiel aus den alten Tagen:

Ariel, ca. 13: Mom, Dad, darf ich eine E-Mail-Addresse haben?
Eltern: Das müssen wir uns gut überlegen.
Die Eltern überlegen gut, bekakeln das beim Zubettgehen.
Sie: Ich weiß nicht ob das gut ist. Hinterher gerät sie auf die schiefe Bahn…
Er: Ja, oder ein Perverser macht sich an sie ran. Das Internet ist ja voller Perverser.
Sie (schreckgeweitete Augen): Oh Gott! Mein armes Baby!
Er: Ja, aber wir müssen bedenken, das Internetzeitalter und so.
Sie: Du hast Recht.
Am nächsten Tag, treten die Eltern vor das Kind hin.
Eltern: Kind, wir haben das besprochen und wir werden dir eine eigene E-Mail-Adresse erlauben. Aber wir werden deine Mails überwachen.
Ariel: Oh super, Mom und Dad, ihr seid die Besten!
Ende.


Besonders ärgerlich war anfangs der Ehemann, Joe, gespielt von Jake Weber. Er machte nicht nur keinerlei Charakterentwicklung mit, sondern hatte auch diese unglaublich nölige, moralinsaure Synchronstimme verpasst bekommen.
Gut, immerhin: Die schreckliche, älteste Tochter Ariel (Sofia Vassilieva) war noch recht jung und daher noch recht unauffällig. Heute ist Vassilieva jungerwachsen und hält hysterische Ausbrüche für Schauspielkunst. Hätten wir auch das noch zu Anfang ertragen müssen, ich weiß nicht, ob wir weiter geguckt hätten.

Aber so hangelten wir uns von Folge zu Folge bis irgendwann keine synchronisierten Folgen mehr übrig waren und wir lernen mussten, dass „district attorney“ Staatsanwalt heißt. Die Originalstimme von Patricia Arquette fand ich gewöhnungsbedürftig aber Joe klingt in echt ja so viel besser! Das war fast eine Erleuchtung. Und stellte im Nachhinein vieles anders dar. Der Originalstimmen-Joe ist nämlich allein durch seine Betonung immer etwas schnoddrig.
Irgendwann begann die Sendung sich zu empanzipieren von ihrer Zielgruppe. Ich weiß auch nicht wie das kam, erst gab es nur einzelne Folgen, die herausstachen aus den Monster-Of-The-Week-Episoden.
Bis es tatsächlich eine teilweise übergreifende Handlung gab, Episodenideen, die den Charakteren so viel erlaubten oder einfach nur erfrischend waren und immer wieder großartige Gastdarsteller. Besonders Anjelica Huston als moralisch fragwürdige Cynthia Keener.

Und aus der gespielten Familie Dubois begann eine echte zu werden. Mit Geldsorgen und Existenzängsten, psychischen Problemen und einer glaubhaften Vergangenheit.
Mir fällt keine andere Sendung ein, in der eine glückliche Paarbeziehung, derart realistisch und liebevoll dargestellt wird. Angenehm befreit von unsinnigen Versuchen künstliche Spannung durch das Mulder-und-Scully-Theme reinzuzwingen.
Allison und Joe lieben sich und manchmal streiten sie und manchmal ist es eben schlichter Alltag und manchmal nur anstrengend. Aber genauso ist das halt. Und Patricia Arquette und Jake Weber sind schlicht wundervoll zusammen.
Von mir aus könnten sie den ganzen Übersinnlich-Kram weglassen und sich nur auf die Darstellung der Familie konzentrieren.

Ja, aber zurück zu dem Finale. Ich bin mal wieder abgeschwiffen… Hier kommen jetzt ein paar Spoiler.

Wir dürfen hoffen, dass Sofia Vassilieva bald nur noch sporadische Auftritte hat. Und Jake Webers Darstellung von Joes morgendlichem Erwachen, wie er bemerkt, dass seine Frau tot ist war – grandios! Überhaupt die Stimmung, die Bilder wie Allison ihre Lieben nach der Beerdigung besucht. In ihren Schlafanzug.
Und der Trost in dieser Vorstellung: Der Verstorbene ist wirklich noch bei uns. Und alles was uns trennt ist die Sichtbarkeit.

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4 Antworten zu Medium, aus der Nähe betrachtet

  1. rosa67 schreibt:

    Abgeschwiffen 😀

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Ja, da darfst du dich bei Helge Schneider beschweren. 😀 Der hat F und mich mit dem kreativen Umgang von Verben und Pluralformen angesteckt.
    Ich erinnere mich noch gut an einen Spruch aus ganz frühen Uni-Tagen, als ich F gestand: „Ich schrub noch nie Exzerptata.“

  3. Sebastian schreibt:

    Dass district attorny Staatsanwalt heisst, habe ich glaube ich bei Dexter gelernt. Oder war es dort gar der state attorny?

    Als Mystery mit Trash-Einschlag empfehle ich Supernatural, die ersten Staffeln hatten wir sehr flott durch. 80 Prozent abgeschlossene Einzelgeschichten und der Story-Arc gibt nicht viel her, aber die Serie dreht so herrlich auf manchmal, das ist super.

    • Lotta Gruen schreibt:

      Ach, Sebastian, schön, dass du hier bist. 🙂
      Bei Medium heißt district attorny wohl sogar Bezirksstaatsanwalt wie F mich erinnerte.
      Dexter hat mich irgendwie verlassen. Also die Lust an ihm. Aber die Folgen der 4. Staffel harren unserer Guck-Bereitschaft.

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