Ja, ab zum TA!

Dieser Satz, im Tone einer Vulgärfeministin vorgetragen, kommt mir fast jedes Mal in den Sinn, wenn die Katzen mich mal wieder zwingen zum Tierarzt zu gehen.

Ich habe es gewusst, seit Malo zu uns zog. Gute Tierärzte sind rar und selbst die sind nicht unfehlbar und Katzen können sich eine Vielzahl sonderbarer Leiden zulegen.

Muck war Meister darin. Ob aufplatzende Hautmuskelvereiterungen, schreckliche Niereninsuffizienz, bösartige Hautpilze, von der Wurzel wegfaulende Zähne oder einfach Verdacht auf Leukose, weswegen eine Knochenmarkpunktion nötig wurde – Muck hatte dauernd was. Und mit der Zeit plagte mich die Sorge, wenn ich durch Neukölln flanierte und wartete, dass Mucks Zähne saniert, das Knochenmark punktiert, der Eiter entfernt wurde: Wie lange hält der kleine Körper das noch durch? Immer versuchte ich mich darauf vorzubereiten, er könne die Narkose nicht überlebt haben.

Ja, so war das. Und irgendwann ging es nicht mehr weiter. Und daran war schlussendlich auch eine Narkose Schuld und im Laufe der letzten zwei Wochen von Muckis Leben wurde F und mir bewusst, wie viele Fehler während der Behandlung der chronischen Niereninsuffizienz gemacht worden waren und dass selbst ein auf CNI-spezialisierte Tierarzt nichts mehr retten konnte. Und dann waren da noch diese Unmengen an Kollegen in dieser Gemeinschaftspraxis, die sich mit CNI nicht wirklich auskannten, und alles noch schlimmer machen. Und wir konnten wenig mehr tun, als zugucken, uns Halbwissen im Internet anzulesen, Angst zu haben und viel zu weinen und Muck zu vermissen bevor er überhaupt gestorben war.

Und eigentlich wollte ich das ja gar nicht geschrieben haben. Eigentlich nämlich wollte ich darauf hinaus, dass ich heute das erste Mal mit Anton beim Tierarzt war.

Anton kam am 9.4. aus Spanien zu uns. Und den Transport, den hat er schlecht verkraftet. Erst wollte er nicht so recht fressen und da war sie schon wieder, die beißende Erinnerung an Muck, der während seiner letzten Lebenswochen auch nicht mehr fressen wollte.
Anton, jedenfalls, begann zudem ein allumfassender Juckreiz zu plagen. Stresskrätze könnte man es nennen. Und also kratzte er sich, zum Teil bis er blutige Schrunden zurück behielt.. Weil er am Bauch nicht kratzen konnte, leckte er sich an zwei Stellen kahl. Ach, das arme Antönchen.

Und heute mussten wir dann zum Tierarzt, weil es trotz Hausbesuch nicht besser wurde und Zylkène (mit Milcheiweiß gegen Stress!) und Bachblüten (mit Esoterik gegen Stress!) und einer Creme, die aus irgendwelchen Kräutern besteht, die wirken sollen wie Kortison ohne Kortison zu sein. Vom Verhalten her ist er durchaus nicht mehr der Schreck-Bär vom Anfang, immer noch ein wenig hektisch, aber schmusig und spielig und vielfressend.

Wenn Anton eines mit nach Deutschland gebracht hat, dann ist das seine existentielle Furcht vor Transportboxen. Trotzdem musste ich heute diesen Vertrauensbruch begehen und ihn erst mit Sedalin bedüseln und dann zusehen, wie mein Tönchen immer fahriger und wackliger wurde und die Nickhaut sich über die Augen schob – das alles brachte wiederum Muckis letzte Lebenszeit ins Gedächtnis und mir war speiübel.

Schweißgebadet und mit einem Anton, der trotz Sedalin-Beruhigung überhaupt nicht ruhig, sondern ausgesprochen gesangsfreudig war, kam ich in unserer neuen Tierarztpraxis an. Nicht ganz neu. Mittelneu. Wir waren da schon etliche Mal, mit Uralt-Madame Malo und einmal mit Wubi zum Komplett-Check, um meine auf die Katzen ausgedehnte Hypochondrie zu besänftigen.
Nett sind sie da, im Großen und Ganzen, jung und gut informiert und den Informationsmittel Internet aufgeschlossen und zu Fuß nur zehn Minuten weg.

Dennoch und trotzdem: Die Blutabnahme war eine Katastrophe, erst fand Frau Doktor die Vene nicht, dann stach sie mehrmals nach und zum Schluss kamen nur ein paar Tropfen, die mit Ach und Krach für einen Allergietest reichen. Anton schrie so himmelerbärmlich – und mir tat das alles so Leid.

Da war sie wieder, jene Zwickmühle, die mir die Brust so eng macht, seit ich mit Mucks Ende gesehen habe, wie grausam und traumatisch tiermedizinische Behandlungen wirken können: Wo ist die Grenze, zwischen notwendiger Behandlung und sturer Quälerei, weil man es kann?

Aber jetzt, zum Schluss, liegt hier ein Anton an meine Beine gekuschelt, scheint kaum mehr mitgenommen von den Strapazen und morgen wissen wir dann, ob wir zukünftig eine Allergie-Katze beherbergen werden.

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3 Antworten zu Ja, ab zum TA!

  1. Sylvia schreibt:

    Ich musste beim Lesen deines Artikels echt schlucken …
    Wie oft war ich in der gleichen Zwickmühle, wieviele unfähige Tierärzte habe ich schon kennengelernt, wie oft habe ich mitgelitten …
    Es ist ein schmaler Grat zwischen JA und NEIN!

    Daß mit eurem Muck tut mir sehr leid, auch ich habe nach langem Kampf meinen kleinen Boomer im Alter von 5 Jahren an Niereninsuffizienz verloren 😥

    Und für euren Anton drücke ich ganz fest die Daumen!
    Ich schaue wieder vorbei 😉

    Liebe Grüße,
    Sylvia & Rasselbande

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Danke für deine Worte.
    Muck war auch erst sechs. Und obwohl wir ja wussten, dass er gesundheitlich nie ganz auf der Höhe war, kam sein Tod dann doch wie ein Schlag ins Gesicht. Ich finde es besonders schwer zu akzeptieren, dass er noch so viele Jahre hätte haben können…

    Falls es dich interessiert, als allerersten Eintrag, sozusagen als Grundstein dieses Blogs hab ich über Muck geschrieben.
    Da ist seine Geschichte noch ein bisschen ausgeführt.

  3. Sylvia schreibt:

    Interessiert mich, ich gehe gleich lesen 😉
    LG Sylvia

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