Vom Winde verweht, Ulrich Noethen und der Zeitgeist

Ich habe „Vom Winde verweht“ im Frühjahr 2009 das erste Mal gehört/erlebt. Seinerzeit hatte ich einige Tage in den Vogesen zu tun und brauchte (neben der Berliner Zeitung und zwei Büchern) ein langes Hörbuch, um die knapp 20 Stunden Hin- und Rückfahrt zu überstehen. Der Zufall spielte mir „Vom Winde verweht“ in die Hände. Von der Handlung wusste ich kaum mehr, als dass es irgendwie um eine Liebesgeschichte ging, garniert mit Schnulzigkeit und Reifröcken.

Anfangs war ich verwirrt von den vielen Namen, den Tarletons und Calverts und Fontaines und Thalborts und Wilkes und Hamiltons. An jedem dieser Nachnamen hing ja auch noch ein Rattenschwanz Familienmitglieder. Außerdem verdöste ich im Zug zeitweise die Einführung derselben. Aber irgendwann packte mich die Geschichte am Schlafittchen. Und ich hatte ja 43 Stunden Zeit mich an alle zu gewöhnen. 43 Stunden. Ich glaube, ich habe einen Monat an dem Hörbuch gehört.

Zwischendrin weiteten sich meine Augen und verzog ich angewidert den Mund: Dieser Weltbestseller ist rassistisch, sozialdarwinistisch und zwar nicht nur im Ausdruck der Figuren. Vieles was Mitchell aus dem Off und allwissend erzählt trieft vor ekelhaften Stereotypen.
Darin ist dieses Buch ein wichtiges Dokument seiner Zeit. Denn selbst Margrete Mitchell, die sich, laut der deutschen Wikipedia,  für die Gleichstellung von Schwarzen und Weißen engagierte, hat derart rassistische Ansichten vertreten, dass man dadurch durchaus auf den Rest der Gesellschaft schließen kann. Wenn also eine intellektuelle Bürgerrechtlerin nichts daran findet in ihrem Roman die Schwarzen, selbst jene, denen sie Sympathien entgegenbringt, als „viehisch“, „blöde“, „dumm wie Kleinkinder“, „wie Affen“ zu bezeichnen, dann mag ich mir gar nicht vorstellen, was erst der Normalbürger dieser Zeit gedacht hat.

Auch wie Mitchell über „Onkel Toms Hütte“ urteilt und immer wieder suggeriert, durch Weiße misshandelte Sklaven habe es nie gegeben und es seien bloß Schauermärchen der Yankees, ist eine typische Ansicht von Sklavereibefürwortern.
Es gab im Anschluss an „Onkel Toms Hütte“ sogar eine ganze Sektion von Anti-Tom-Literatur, in der gekränkte Südstaatler Gentlemen ihre eigene generöse Art der Sklavenhaltung darstellten. Da Schwarze in ihren Augen gerade so gut wie Kinder waren (und jeder, der sich mit Kindheitsgeschichte ein wenig beschäftigt hat, wird wissen, Kinder hatten keinen hohen Stellenwert), sei es doch eine selbstlose Tat der Sklavenhalter sich dieser armen Seelen anzunehmen.
Auch Mitchell bringt immer wieder zum Ausdruck, dass an der Sklaverei nichts Schlechtes gewesen sei, und die „Feldnigger“ seien eben nur deshalb in der niedersten Kaste der Sklavenhierarchie gelandet, weil sie „dumm, faul oder verlogen“ gewesen seien. Und den „Hausniggern“ schließlich sei es sehr gut gegangen, ja sie selber verachteten die „Feldnigger“ viel mehr als es die Weißen taten und freigelassen werden wollte sie auch nicht. Darüber zu reflektieren, wieso es Sklaven gegeben hat, die sich nicht fähig fühlten ohne die weißen Herren zu leben, macht sich Mitchell nicht die Mühe.
Und als die Yankees die Sklaven befreiten war das große Unglück über den Süden gekommen, denn nun waren die „Niedersten der Niederen“ entfesselt und an der Macht. Schwarze begannen sich an weiße Frauen ranzumachen, weshalb den Südstaaten-Gentlemen leider keine andere Wahl blieb, als um der Ehrenrettung der Frauen Willen die Schwarzen abzuknallen.

Und so ist dann auch der Ku-Klux-Klan eine nette Gesellschaft, in der sämtliche sympathietragenden Männer organisiert sind und selbst der edle, weichherzige Ashley ist feuereifrig mit von der Partie, als es darum geht Shanty-Town abzufackeln.

Mag sein, dass der Ku-Klux-Klan in seinen ganz frühen Anfängen tatsächlich _auch_ eine Rebellenvereinigung gegen die Yankee-Besatzer gewesen ist, aber Mitchells geradezu verherrlichende Darstellung und das völlige Fehlen kritischer Distanz macht es mir doch sehr schwer zu verstehen, wie Mitchell sich in der Afro-Amerikanischen Bürgerrechtsbewegung engagieren konnte.

Und dann sind da noch Rhetts sozialdarwinistische Ansichten. Nur wer stark ist, verdient zu leben. Und jeder Schwache hat sein Lebensrecht verwirkt. Das kennen wir doch von irgendwoher… Ach richtig! Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Wer leben will, der kämpfe also und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.“
Jaja, ich weiß, Hitlervergleich und so.
Aber auch das ist Ausdruck des Zeitgeists. Sozialdarwinismus war nichts Schlechtes, sondern natürlich und das eben nicht nur im Nationalsozialismus.
Und es scheint mir immer wieder, dass der Autorin Rhett sehr am Herzen lag und sie viele seiner Ansichten teilt. Ich werde auch den Eindruck nicht los, Mitchell finde tatsächlich es sei alleine Scarletts Schuld, dass Rhett sich am Ende von ihr abwendet.

Ja und Scarlett schließlich. Hier lehne ich mich mal aus dem Fenster: Ich finde sie ist das Paradebeispiel einer Borderline-Erkrankten.
Ein paar Beispiel: Sie liebt nur jene, mit denen sie nicht (mehr) zusammen sein kann, echte Nähe findet sie nur aus der Distanz und in ihrer Vorstellung erträglich, erträgt Alleinsein aber nicht. Sie simuliert Gefühle,  manipuliert wo sie nur kann, idealisiert oder verteufelt viele ihrer Mitmenschen, leidet arg an Magischem Denken (z.B. Melanie stirbt, weil sie ihr vor Jahren den Tod gewünscht hat), reagiert dauernd hysterisch über und kann sich nicht in andere einfühlen.
Auch was man über die Ideale der Südstaaten und Art der Kindererziehung erfährt passt mE in die Entstehungsgeschichte einer Borderline-Erkrankung.
Die Ehen, die sie schließt und wie sie sie führt, besonders natürlich die aggressive, exzessive und zerstörerische Beziehung mit Rhett, fügt sich mMn perfekt in die Beziehungsart von Borderlinern.
Zu denken gibt mir hierbei auch die Äußerung Vivian Leighs, sie habe beim Lesen das Gefühl gehabt, Scarlett sei wie sie und deswegen müsse sie die Rolle um jeden Preis bekommen. Tatsächlich sind die charakterlichen Ähnlichkeiten der Schauspielerin und der literarischen Figur nicht von der Hand zu weisen. Und: Bei Vivian Leigh ist eine manisch-depressive Störung diagnostiziert worden, wenn man sich ihren Lebensweg, ihre Leidenschaften und Probleme so anschaut, kann ich mir gut vorstellen, dass bei ihr heute eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert würde.

So. Das sind also meine Ansichten zu „Vom Winde verweht“. Und trotzdem nimmt mich dieses Buch gefangen. Ich habe es gerade das zweite Mal zu Ende gehört und will es mir nun auch endlich einmal in gedruckter Form besorgen. Auch wenn mir dann der wunderbar pointierte und abwechslungsreiche Vortrag von Ulrich Noethen fehlen wird.
Würde ich ein Buch aus heutiger Zeit lesen, das so daherkommt wie „Vom Winde verweht“ es tut, ich würde es ins Altpapier schmeißen, wie ich es mit Sybille Bergs „Ende gut“ getan habe, nachdem ich nach anfänglicher Begeisterung mich auf einmal mit islamophoben Ansichten der Autorin konfrontiert sah.
Ja, im Grunde finde ich es sogar wichtig und gut, dass all diese Passagen, Ausdrucksweisen und Ansichten in dem Buch erhalten sind. Und ebenso wichtig finde ich es, dass bei den 50 deutschen Amazon-Rezensionen nur eine einzige auf einige dieser Kritikpunkte eingeht. Und ich den 49 übrigen daher  unterstelle, dass sie den enthaltenen Rassismus nicht weiter schlimm fanden (auch wenn ich natürlich nicht alle gelesen habe).

Denn hier zeigt sich endlich einmal – bar aller weichgespülten Gutmenschelei – der Alltagsrassismus über den wir noch lange nicht hinweg sind. Und eben auch als Zeitzeugnis, wie wenig der Rassismus von Weißen wahrgenommen wurde, so selbstverständlich war er. Und „Vom Winde verweht“ war zu seiner Zeit _der_ Bestseller schlechthin, nicht nur bei den Südstaatlern, er traf also einen Nerv der Zeit.

Angelika Schrobsdorff schrieb einmal, als 16jährige habe sie „Vom Winde verweht“ dreimal hintereinander „nicht gelesen, sondern gelebt“. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt im bulgarischen Exil lebte, da sie mit einer jüdischen Mutter in Nazi-Deutschland als „Mischling 1. Grades“ nicht hatte bleiben können, stieß ihr der Rassismus gegen die Schwarzen offensichtlich nicht sauer auf.

Aber ich verstehe, was sie damit meint, das Buch gelebt zu haben. Denn man muss Margrete Mitchell lassen, sie hat da ein ganzes Universum eingefangen, sowohl historische als auch erzählte Geschichte lebbar gemacht. Sie hat Charaktere geschaffen, die bis ins letzte Winkelchen ihrer Seele hinein glaubhaft sind. Vor allem weil auch keiner von ihnen durchweg sympathisch ist. Selbst die liebe, süße Melanie zeigt sich in ihrem Patriotismus und ihrer Kriegsbegeisterung menschenverachtend.

Und all diese Charaktere, die pferdeliebende, kinderprügelnde Mrs Tarelton, Großmutter Fontaine, die als junge Frau mitansehen musste, wie ihre Familie skalpiert wurde, Gerald O’Hara, der säuft und spielt und singt und nach seinem allzu schweren Verlust an Demenz zugrunde geht, Onkel Peter, der strenge, ehrwürdige Haussklave von Tante Pittypat, der Melanie und Charles Hamilton großgezogen hat – ach, all diese lebendig scheinenden Figuren. Kaum vorstellbar, dass es sie nicht einmal gelebt haben. Wie sie  alle um und hin und her geworfen werden von den gesellschaftlichen Konventionen, dem Krieg, der Niederlage, der Armut, ihrem Stolz.
Immer wieder denke ich: Wahnsinn, wo hat Mitchell nur dieses Detailreichtum, dieses Füllhorn an Realismus her? (Und ich bin froh, in der englischen Wikipedia ein paar Hinweise darüber zu finden.) Denn ich sehe Tara, in seiner Blütezeit, in seinem Dasein als Zwei-Pferde-Farm, ich sehe Melanies und Ashleys kleines Haus in Atlanta, ich sehe die Kleider und Rhett und Scarlett und die vier Tarleton-Töchter in der Kutsche ihrer Mutter am Tag der letzten großen Gartengesellschaft bei Wilkes.

Und all das noch viel besser durch Noethens wunderbare Lesart. Wie er jeder einzelnen Figur eine unverwechselbare Stimme verleiht und den immer wieder anklingenden Humor Mitchells unterstreicht. Dieses Hörbuch also, das Gott sei Dank weder gekürzt noch in einer grauseligen Hörspielfassung daherkam, hat mich oft in den Schlaf begleitet, mir alle rein praktischen Tätigkeiten erleichtert und mir einfach durch seinen Klang Spaß gemacht.

Ich hoffe irgendwann fällt mir die ungekürzte Hörbuchfassung von „Krieg und Frieden“ in die Hände. Das wären dann 54 CDs lang Ulrich Noethens wunderbare Stimme und hoffentlich weniger Rassismus.

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4 Antworten zu Vom Winde verweht, Ulrich Noethen und der Zeitgeist

  1. Frank schreibt:

    Ich kenne ja nur die Duck-Verbuchung und die ersten Takte des Hörbuches, aber das fand ich ja ganz interessant. Vielleicht kann man ja in nächster Zeit noch eine ca. 35-stündige Siedler-Session ansetzen und das dann dabei hören? 😉

  2. Lotta Gruen schreibt:

    Also, ich habe mir das jetzt mal angeguckt, diese Duck-Verbuchung, und muss allerdings feststellen: Das hat fast jar nüscht mit die Originalgeschichte zu tun! Tztz.
    (geht mein Gravatar?)

  3. Sebastian schreibt:

    Meine Freundin liest es gerade, weil es das letzte Buch war, an dem ihre Oma las, bevor sie jüngst starb. Sie scheint es auch ein wenig „zu leben“, so wie sie im Bett auf und ab springt, weil es so spannend ist. Ich habe mir nur den Wiki-Artikel durchgelesen, weil ich wenigstens halbwegs wissen wollte, was sie da so begeistert, aber das war mir dann schon wieder zu komplex alles. Die Duck-Verbuchung wäre da eher meines.

    Diese „Kind seiner Zeit“-Argumentation ist ja immer ein wenig schwierig, weil man schnell in die Verharmlosung reinrutscht, aber man kommt da sicher auch nicht drum herum. Aber wenn Mitchell tatsächlich damals als Bürgerrechtlerin durchging, sagt das wohl wirklich viel aus. Gerade dieser Aspekt, dass „höher gestellte“ Sklaven sich ihrerseits gezwungen sahen, nach unten zu treten, um ihren Status zu erhalten, ist ja so interessant wie deprimierend.

    • Lotta Gruen schreibt:

      F warf gestern Abend die Behauptung in den Raum, dass ihr beiden so viele Ähnlichkeiten in eurem Leben habt, dass er manchmal ganz vergißt ob er jetzt du bist oder er ist oder so. Jedenfalls, als ich erwähnte, dass deine Liebste auch von „Vom Winde verweht“ eingefangen wurde, fand er das das Gegenteil von verwunderlich.

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