Ich möchte brechen.

Eigentlich liegt das Blog ja grad auf Eis. Ein wenig. Meine kleine Leserschaft wird es gemerkt und ob der andauernden Ödheit hier das Weite gesucht haben. Die Ursachen für das Brachliegen sind vielfältig. Zu wenig Zeit, keine Muße, andere Prioritäten, die ungelöste Frage, wie ich das handhaben will mit privaten Geschichten oder verklausulierten Darstellungen. Oft entwarf ich schon Blogbeiträge in meinem Kopf, die mir gefielen, die ich gerne geschrieben hätte, aber dann verwarf mit dem Einwand: „Ist denn das nicht zu persönlich?“ „Und wenn ich dann mal wieder gegen irgendwas Gift und Galle spucke und ein verrückter Antideutscher oder PI-Heini stolpert über mein Blog – will ich dann, dass er von mir wissen kann, wie es sich für mich anfühlt auf dem Ultraschall die ersten Bewegungen meines Kindes zu erleben?“

Also grundsätzlich scheitert die Gestaltung meines Blogs gerade auch daran, dass ich kein für mich stimmiges Konzept finde. Aber das wächst schon noch. Oder so. Wenn wieder mehr Zeit ist. Demnächst.

Aber darüber hinaus passiert in der Welt dieser Tage ja so einiges, das in mir den Wunsch keimen lässt, der Welt die Hände um die Schultern zu legen und sie zu schütteln. Sie möchte bitte mal zur Vernunft kommen!

Und jetzt wieder so ein Klops: Die Bundesregierung will die Atomendlagerung privatisieren. Ja sind denn die noch ganz bei Trost?! (natürlich nicht)

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Aufruf zum Protest

Unter der Überschrift „Sarrazin ist unwichtig – die rassistische Gefahr nicht“ ruft GLADT e.V. zum Protest gegen die Buchvorstellung von Necla Kelek und Thilo Sarrazin am Montagvormittag in der Schiffsbauergasse in Berlin auf.

Aus dem Aufruf:

Seit Tagen wird erneut in allen Medien über rassistische Äußerungen des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin berichtet – das Ziel eines ebenso eitlen wie primitiven Populisten und seines anscheinend von keinen ethischen Skrupeln geplagten Verlags, auf Kosten des friedlichen Zusammenlebens in diesem Land einen Sensationserfolg zu landen, scheint erreicht. Auch wenn das, was Bild und Spiegel aus dem Pamphlet Deutschland schafft sich ab vorveröffentlicht haben, so offensichtlich dumm und menschenverachtend, dass sich eine ernsthafte Diskussion der «Thesen» dieses aus Steuermitteln üppig alimentierten Hetzschreibers erübrigt: An einem solchen Punkt hilft es nicht, über die Aussagen eines «verwirrten Einzelnen» zu spekulieren, die dadurch vermeintlich erst aufgewertet werden.

Aber um Sarrazin als Person geht es auch gar nicht. Die Debatte über die Themen, die er nicht erfunden hat, sondern bloß gewinntüchtig zuspitzt, läuft schon viel länger und wird am Stammtisch wie im Feuilleton geführt. Er spricht damit einer Öffentlichkeit aus dem Herzen, die gern «Ausländer_innen», «Migrant_innen» oder «Muslim_innen» die Schuld für die sozialen Verwerfungen eines krisengeschüttelten Systems geben möchte, um sich das Nachdenken über die wirklichen Ursachen zu ersparen – eine Öffentlichkeit, die sich vom rechten Rand bis in die Mitte der Gesellschaft erstreckt, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.

[Via rhizom]

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Das Schönste der Welt

(Via: riot36)

Ein Bild, das F mir Anfang des Sommers zeigte und das wir zum Ende hin wiederentdeckten.

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Schlechter als ihr Ruf

Neulich sahen F und ich uns die vielfach gelobte Arte-Dokumentation „Berliner Rand“ an. Kurz zum Inhalt: Ein paar Filmemacher haben vier Berliner Jugendliche, ohne Perspektive und am Rande der Existenz, ein Jahr begleitet.
War ich anfangs noch darauf eingestellt mich vor allem wegen des Leides der Jugendlichen angestrengt und unwohl zu fühlen, lag es im Verlauf der Sendung mehr und mehr auch an der Machart der Dokumentation.
Dieser mit Rundfunkgebühren finanzierte Film, zeichnet ein völlig distanzloses Bild des evangelisch-missionierenden Kinderhilfswerks „Die Arche“. Tatsächlich hatten F und ich zum Schluss den Eindruck, wir hätten da gerade einen „Arche“-Propagandafilm gesehen.

Darüber hinaus ist die Dokumentation mE das Gegenteil von dem, was sie behauptet zu sein:

„…ein Gegenentwurf zu den vielen Krawall- Dokusoaps der Privaten, die kriminelle Jugendliche und sozial schwache Hartz-IV-Familien allzu häufig vorführen und dem Voyeurismus der Zuschauer aussetzen.“

Denn genau so habe ich diese Sendung nicht erlebt. Zu einem Teil liegt das wahrscheinlich daran, dass ich, seit sechs Jahren ohne Fernseher, es nicht mehr gewohnt bin, was einem die Privatsender heute so vorsetzen. Ich messe Sendungen noch mit altmodischen Maßstäben, die aus der Zeit stammen, bevor das Infotainment auch bei Arte und 3sat die Dokumentationen in Geiselhaft nahm.
Aber dennoch: Es fängt schon mit der Auswahl der porträtierten Jugendlichen an. Da wird der Bildungsbürger wieder mit dem Vorurteil gefüttert, arm gleich bildungsfern und unmündig. Wenn 21jährige nicht in der Lage sind ein Schnitzel zu salzen und es vollkommen ausgeschlossen ist, dass drei der vier Porträtierten jemals eigenständig und verantwortungsbewusst leben – und beim Vierten bleibt es auch arg fraglich; dann ist es kein Wunder, dass eine überwältigende Mehrheit der Meinung ist, ALG-2-Empfänger seien per se unfähig sich um ihre Kinder zu kümmern.
Und die Dokumentation führt die Jugendlichen vor, samt und sonders. Zeigt sie in Momenten der Dummheit, Verzweiflung und Demütigung. Unterlässt es ihrerseits nach Ursachen zu fragen oder Kritik zu äußern.
Die Jugendarbeiter, die lieblos und hart mit einem haltlosen 16jährigen umgehen, die evangelische Mission in der Kinderhilfe, die Frage, warum die 21jährigen Zwillinge tatsächlich so vollkommen lebensunfähig sind. – Das alles findet keine Reflexion, nicht einmal in subtilen Andeutungen.
Stattdessen muss der nächtliche Wortwechsel zweier Bekannten der Zwillinge reingeschnitten werden. Sinngemäß: „Und haste Bock für 900 Euro zu arbeiten?“ – „Nee, quatsch. Ick will Hartz IV.“
Diese Dokumentation zeigt dem Bildungsbürger nichts Neues, nichts Nachdenkliches sondern bestätigt ausschließlich gängige Vorurteile, durchsetzt mit der Erkenntnis, die Lage ist so schlecht, da kann niemand mehr helfen. Allerhöchstens Gott.

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Die Necla und ihr Thilo

Necla Kelek und Thilo Sarrazin – die sind so ein Paar, da wird mir schlecht von. (Gut, zur Zeit ist mir eh dauernd schlecht.)

Beide werden heiß geliebt von den Jungens und Mädels von der Grünen Pest und Politically Incorrect. Aber auch von Ralph Giordano und Hans Olaf Henkel.
Weil der aufgeklärte Rassist gelernt hat, Juden sind nicht mehr das Problem, heute sind’s Moslems. Denn selbst der aufgeklärteste Rassist bleibt unfähig Kausalzusammenhänge herzustellen, geschweige denn ist er in der Lage sich mit Projektionen und der Identifikation mit dem Aggressor auseinanderzusetzen, er versteht nicht, was Reflexion oder Empathie bedeuten.
– Was naheliegend ist, immerhin würde der Rassismus sich selbst abschaffen, wenn Rassisten auf einmal anfingen mit sowas.

Der Sarrazin nun. Seit Jahren festklebendes SPD-Mitglied. Von 2002 bis vergangenes Jahr auch Berlins Finanzsenator. Er hasst Arbeitslose und Ausländer und ist allgemein das Paradebeispiel für einen, der ungeniert der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit frönt. Außerdem liebte er es Politiker mit Nebentätigkeiten zu sein, u.a. pfuscht er rum bei den Berliner Verkehrsbetrieben und der Vivantes GmbH (das sind die, die dafür verantwortlich sind, dass Berlins Krankenhäuser heute sind wie sie sind). Überhaupt ist es bemerkenswert; überall dort, wo in den Nuller Jahren in Berlin Korruption im Spiel war, hatte Sarazzin irgendwie immer seine Hände mit drin.
Und wenn Herr Sarrazin gewollt hätte, er säße bis heute als Finanzsenator im Sattel, könnte menschverachtende Tiraden ablassen und kein SPDler, der was zu sagen hat, würde groß mucksen. Ebenso wenig, wie gemuckst wurde, als Müntefering und Clement sich so lautstark selbstentlarvten. Vielleicht auch deshalb, weil man in der SPD weiß, dass man mit Rassismus und Hartz-IV-Hass Wahlvieh fängt.

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Schwanger Toxoplasmose Angst

Als frisch brütendes Menschenweibchen wird einem dieser Tage als allererstes Angst gemacht. Wildfremde springen auf die Schwangere zu und rufen, während sie panisch mit den Händen in der Luft wedeln: „Keine Rohmilchprodukte! Keine Rohmilchprodukte!“
Zu den Rohmilchprodukten gehörten angeblich Mozzarella und Feta.
Und was, wenn ich als Schwangere, aber nun einer Tomaten-Mozzarella-Gier anheim falle? Da werden die Panikmacher streng: „Keine Rohmilchprodukte! Übe Verzicht!“
Und würden wir in einem urtümlichen Dorf in den italienischen Alpen leben, in dem es keinen Supermarkt gibt und jeder seinen Weichkäse selber klöppelt, hätten die Angstmacher auch Recht. Aber wir leben ja 2010 in einem Industrieland und hier wird so gut wie nix mehr aus Rohmilch gemacht – und wenn, muss es laut und deutlich gekennzeichnet sein.
Auch Supermarkt-Mayonnaise darf jede Schwangere essen, gewarnt wird lediglich vorm Verzehr selbstgemachter Mayonnaise mit nicht mehr frischen Eiern. – Die würde ich ja auch unschwanger nicht essen.
Was ich noch nicht eindeutig geklärt habe, wie’s mit Weißweinsoße aussieht. Ich tendiere allerdings zu „Ja, darf man essen. In Maßen usw. usf.“

Aber die Ernährungsängste sind ja nichts, im Vergleich zur Angst, die einem vor Katzen gemacht wird.

Als ich meiner Friedrichshainer Frauenärztin im vergangenen Winter von Fs und meinem Vorhaben, die Pille im Frühjahr abzusetzen, berichtete, überschüttete sie mich mit Angst. Sie sprach ausführlich von offenen Rücken, der häufigsten Missbildung bei Neugeborenen. „Das tritt bei einer von 1000 Geburten auf! Ganz schlimm, Frau Gruen, sowas will man nicht erlebt haben!“. Erging sich in monströsen Beschreibungen möglicher Entstellung in Folge einer Rötelninfektion während der Schwangerschaft – und ach ja:
„Haben Sie eine Katze, Frau Gruen?“
„Sogar drei.“
„Iiihgitt.“
Ich sollte mir ernsthaft überlegen die Tiere wegzugeben. „Zum Wohle Ihres ungeborenen Kindes!“
Katzen machten nicht nur unwahrscheinlich viel Dreck und haarten der Menschheit die Lungenflügel voll, nein, sie würden auch noch den Schrecken aller Schwangerschaften verbreiten: DIE TOXOPLASMOSE!

Ich will gar nicht wissen, wie viele Katzen schon im Tierheim gelandet sind, wegen inkompetenter Vollidioten wie diesem Besen von Frauenärztin.

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Krankenhäuser meines Lebens

Mit elf Jahren ging ich, nach einem Tag auf dem Reiterhof, nicht in die Badewanne, wie meine Mutter es mir zu befehlen versuchte, sondern rannte mit den Worten „Mach ich später.“ zur Haustür hinaus, in den nahegelegenen Park, um mit Freundinnen zu spielen.
Wir rannten und giggelten und sprangen und quiekten, später wollten unsere Familien zusammen grillen. Es war ein schöner Frühsommerabend. Bis ich irgendwann zu schnell rannte (ich war bis zu diesem Tag, und danach nie wieder, die Schnellste in meiner Altersklasse) und nicht stoppen konnte. Beim Versuch doch anzuhalten, drückte ich mein rechtes Knie so arg durch, dass es im Gelenk krachte und mein Unterschenkel nach vorne umknickte. Mit einem Schlag brüllte ich vor Schmerz.

Ich erinnere mich, wie meine Eltern geholt wurden, wie ich versuchen sollte aufzustehen, der Schrecken darüber, dass es unmöglich war. Wie mein Vater mich schließlich die Straße runter zu unserem Auto trug. Wobei wir an den großen Jungs vorbeikamen, die waren alle schon steinalte 15 und ich schämte mich sehr, als plärrendes Elend auf den Armen meines Papas an ihnen vorbeigeschleppt zu werden.
In der Notaufnahme weinte meine Mutter immer wieder: „Wenn ich doch nur auf dein Bad bestanden hätte…“ Mein Vater war ungewöhnlich blass und still.
Als es hieß, ich müsse für unbestimmte Zeit im Krankenhaus bleiben und operiert werden, wurde mir mulmig. Aber ich wusste damals noch nicht, dass soeben der Grundstein gelegt wurde für meine bis heute andauernde Krankenhausphobie. Befeuert und stetig angefacht von unfreundlichen Schwestern, eiskalten Ärzten, einem gravierendem Mangel an Empathie und allgemeiner Inkompetenz. – Blicke ich auf meine sämtlichen Notaufnahmen- und Krankenhausaufenthalte zurück, erinnere mich gerade an drei nette Schwestern und einen einzigen mitfühlenden Arzt.

Muss ich stationär in einem Krankenhaus bleiben, träume ich dauernd, ein Feuer bräche aus und ich würde ans Bett gefesselt sein und vergessen. Manchmal steht mein Bett an einem Fenster, in grobkörniger Dunkelheit kann ich sehen, wie Menschen sich unten auf der Straße versammeln. Ich bin nicht einmal fähig an die Scheibe zu klopfen, während durch die Zimmertür das Feuer herein bricht. Bevor die Flammen mein Bett erreichen, schrecke ich hoch.

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Die Biermeile findet ja auch ohne uns statt

Obwohl ich nicht twittere, habe ich eine Lieblingstwitterin (zufälligerweise ist sie in Liebe mit Katzen). Und eben diese Dame erinnerte mich gestern daran, dass es ja auch noch die Biermeile gibt. Beim Besuch der Internetpräsenz der Biermeile, wurde ich belehrt, dass diese Veranstaltung ein Motto hat. Und dass das Motto dieses Jahr klangvoller nicht sein könnte: „Bier macht uns zu Freunden!“
Von diesem „uns“ möchte ich mich ausdrücklich ausgeschlossen wissen.

Aus Gründen der unfreiwilligen Nachbarschaft über viele Jahre hinweg, verabscheue ich das „größte Bierfestival der Welt“ ausdauernd und heißblütig, dennoch spürte ich auf einmal einen irrationalen kleinen Stich der Wehmut, als ich an dieses stinkende, urin- und bierüberflutete Straßenfest erinnert wurde. Denn diese Nachbarschaft ist inzwischen ja nicht mehr. Gott sei Dank, eigentlich. Und trotzdem ist alles, was mit Friedrichshain verbunden ist auch wehmütig besetzt und also auch das alljährliche Rituale der Biermeile und meiner Verachtung derselben.
Tatsächlich machte die Erinnerung daran einen derartigen Eindruck auf mich, dass ich heute Nacht von der Biermeile träumte.

Ich träumte, ich liefe die Karl-Marx-Allee lang, von Weberwiese aus Richtung Frankfurter Tor und betrachtete die gegenüberliegende Straßenseite. Bierstand reihte sich an Bierstand und dazwischen das große Rülpsen und Furzen des vereinigten Proletariats. Peter Kraus, der sich mit 104 gerade frisch hatte liften lassen, wackelte parkinsonesk auf einer kleinen Bühne vor dem Biergarten „Oranke“. Davor eine Horde Bierzombies, die mit ihren dicken Bäuchen immer wieder gegeneinander taumelten, was sie am Umfallen hinderte, einerseits, und sie andererseits in Bewegung hielt.
Der Traum verlor sich dann in einer etwas zusammenhanglosen Kritik am Umbau der Weberwiese und Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, die ich ebenfalls ausdauernd und heißblütig nicht leiden kann, aber das ist eine andere Geschichte.

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„Individuelle Schwächen“ und das Übernehmen von Schuld

2004 besuchten F und ich mit Freunden das vergleichsweise kleine Immergut-Festival. Es war mein erstes und letztes Festival.

Von Anfang an war ich skeptisch, ob mir das da denn gefalle. Dixi-Klos und Zelte dicht an dicht, überall Menschen, nirgends Rückzugsraum. Aber F meinte, ich müsse es einfach mal ausprobieren und ihm, der er das Immergut schon 2002 besucht hatte, war es in bester Erinnerung, fast familiär sei es gewesen. Ungern wollte ich als Spielverderberin dastehen, also überkletterte ich meinen Schatten. Und schließlich: Tomte und Kettcar im Line-Up, Bernd Begemann, die Weakerthans, The Notwist.

Aber gleich am ersten Abend erlebte ich eindrücklich, warum ich Veranstaltungen wie diese meiden wollte. Es war – ich glaube – vor dem Tomte-Konzert und Tomte, die waren ja der heiße Scheiß, da wollten alle hin. Wir waren schon vom Zeltplatz auf das Festivalgelände gegangen, da fiel mir irgendwas ein, was ich vom Zelt holen musste. Ich ging durch den Ein- und Ausgang, über dessen Breite ich zu diesem Zeitpunkt nicht nachdachte und lachte mit S, die mit mir kam.
Als wir zurückkehrten hatte sich vor dem Zugang eine kleinere Menschentraube gebildet, deren Teil wir wurden. Schließlich: Das erste große Konzert sollte gleich beginnen, das wollte man nicht verpassen.
Aber für die Hereinströmenden erwies sich der Zugang als zu schmal, von hinten, links und rechts brandeten immer mehr und mehr Menschen gegen die Traube, bis wir schließlich derart dicht standen, dass wir unsere Ellenbogen kaum mehr frei bekamen. Neben uns hyperventilierte ein Mädchen.

Ich konnte nichts sehen als Menschen, nichts riechen als Schweiß, Bierdunst, Parfum und Plastikstoff. Jede meiner Bewegungen endete in Enge. Unvorhersehbare Wellenbewegungen drängten uns brutal gegen einander, in die eine oder andere Richtung, schoben die Menschen auf mich. S und ich umklammerten die Hand der anderen wie verrückt.

Erst war Murren zu hören, Unzufriedenheit. Es änderte sich nichts, die Traube wurde daran gehindert auf das Festivalgelände zu strömen, aber immer mehr Menschen schwappten gegen den Haufen.
Eine schrille Männerstimme rief: „Ich muss hier raus.“ Von hinter mir kam Schluchzen: „Ich kann nicht mehr.“ Aus einer anderen Ecke: „Hallo? Hallo? Nicht ohnmächtig werden! Hilfe, hier wird eine ohnmächtig. Hilfe! Wir müssen hier raus.“
Es wurde immer enger, die Luft, obwohl unter freiem Himmel, immer dünner und in den Ohren rauschte das Blut.
Als die Menschen zwar versuchten eine Gasse zu bilden, um die kollabierte Dame zu befreien, diese Gasse aber sofort immer wieder geschlossen wurde und niemand etwas dagegen tun konnte, auch Rufe nichts brachten, legte sich echte Panik über die Masse. In meiner Kehle würgten Tränen der Verzweiflung.
Ich dachte nur: „Raus. Weg. Wenn ich hier raus komme – nie wieder mach ich bei sowas mit.“
Und das ereignete sich auf einem freien Feld mit höchstens ein paar Hundert Menschen innerhalb einer recht kurzen Zeit. Bis zur Auflösung der Situation dürfte höchsten eine 3/4 Stunde vergangen sein.

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Oh, wie schön sind die Rehberge

Was ich anderen und mir selber gerne in Erinnerung rufe, ist, dass Berlin ja in einem Urstromtal liegt. Bei mir beschwört das immer wieder Bilder von Dinos, Urwäldern und weiten grünen Ebenen herauf und einem reißenden Strom, um den herum das Urzeitgetier sich tummelt, aalt und röhrt.
Vor allen Dingen bedeutet es aber eigentlich nur: Sand.
Der berüchtigte märkische Sand.
Und eben dieser Sand ging den Berlinern nach dem Ersten Weltkrieg auf den Wecker. Man hatte in der großen Not nämlich sämtliche Bäume abgeholzt, die dort gestanden hatten, wo heute der Volkspark Rehberge liegt. Und weil die Bäume nicht mehr den grundbildenden Sand zusammenhielten, verwehte das Zeug dauernd. Der Feinstaubgehalt dieser Tage muss im Wedding mörderisch gewesen sein.
Ich stelle mir vor, wie eine Weddinger Hausfrau im Jahre der galoppierenden Inflation ihre Weißwäsche zum Trocken in den Hof hängt und sie beim Zusammenlegen entsetzt über den sandigen Schleier ist. Da hat sie den gesamten Samstag in der Waschküche mit Seifenlauge und Waschbrett gekämpft, hat Rückenweh, Schwielen, Blasen und aufgeplatzte Haut hingenommen und nun macht der Sand, diese Plage, alles zunichte. Und am Abend wird wieder der Mann schimpfen, dass Laken sei rau und kratze. Wenigstens ist der Scheuersand dieser Tage nie zu knapp und die Dielen glänzen.
Wann immer man sich ins Sacktuch schnäuzte, fand man ein Schnodder-Sand-Gemisch. Und aus den Krankenzimmern des Virchow-Klinikums drang das tuberkulöse Husten von Menschen mit Staublungen.
So mag das damals gewesen sein. Und das blieb auch so, bis im Laufe der 1920er Jahre die Arbeitslosigkeit explodierte. Daraufhin wurden Notstandsprogramme auf den Weg gebracht, um die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen und vormals Arbeitslose wurden u.a. damit beschäftigt Parks anzulegen.
Von 1926 bis 1929 arbeiteten 1200 Menschen an der Entstehung des Volksparks Rehberge. Der spätere SPD-Politiker Fritz Rück bemerkte 1931 in seinem Buch „Der Wedding in Wort und Bild“ es sei die „…wohl die größte soziale und städtebauliche Leistung der letzten Jahrzehnte“ gewesen.

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