2004 besuchten F und ich mit Freunden das vergleichsweise kleine Immergut-Festival. Es war mein erstes und letztes Festival.
Von Anfang an war ich skeptisch, ob mir das da denn gefalle. Dixi-Klos und Zelte dicht an dicht, überall Menschen, nirgends Rückzugsraum. Aber F meinte, ich müsse es einfach mal ausprobieren und ihm, der er das Immergut schon 2002 besucht hatte, war es in bester Erinnerung, fast familiär sei es gewesen. Ungern wollte ich als Spielverderberin dastehen, also überkletterte ich meinen Schatten. Und schließlich: Tomte und Kettcar im Line-Up, Bernd Begemann, die Weakerthans, The Notwist.
Aber gleich am ersten Abend erlebte ich eindrücklich, warum ich Veranstaltungen wie diese meiden wollte. Es war – ich glaube – vor dem Tomte-Konzert und Tomte, die waren ja der heiße Scheiß, da wollten alle hin. Wir waren schon vom Zeltplatz auf das Festivalgelände gegangen, da fiel mir irgendwas ein, was ich vom Zelt holen musste. Ich ging durch den Ein- und Ausgang, über dessen Breite ich zu diesem Zeitpunkt nicht nachdachte und lachte mit S, die mit mir kam.
Als wir zurückkehrten hatte sich vor dem Zugang eine kleinere Menschentraube gebildet, deren Teil wir wurden. Schließlich: Das erste große Konzert sollte gleich beginnen, das wollte man nicht verpassen.
Aber für die Hereinströmenden erwies sich der Zugang als zu schmal, von hinten, links und rechts brandeten immer mehr und mehr Menschen gegen die Traube, bis wir schließlich derart dicht standen, dass wir unsere Ellenbogen kaum mehr frei bekamen. Neben uns hyperventilierte ein Mädchen.
Ich konnte nichts sehen als Menschen, nichts riechen als Schweiß, Bierdunst, Parfum und Plastikstoff. Jede meiner Bewegungen endete in Enge. Unvorhersehbare Wellenbewegungen drängten uns brutal gegen einander, in die eine oder andere Richtung, schoben die Menschen auf mich. S und ich umklammerten die Hand der anderen wie verrückt.
Erst war Murren zu hören, Unzufriedenheit. Es änderte sich nichts, die Traube wurde daran gehindert auf das Festivalgelände zu strömen, aber immer mehr Menschen schwappten gegen den Haufen.
Eine schrille Männerstimme rief: „Ich muss hier raus.“ Von hinter mir kam Schluchzen: „Ich kann nicht mehr.“ Aus einer anderen Ecke: „Hallo? Hallo? Nicht ohnmächtig werden! Hilfe, hier wird eine ohnmächtig. Hilfe! Wir müssen hier raus.“
Es wurde immer enger, die Luft, obwohl unter freiem Himmel, immer dünner und in den Ohren rauschte das Blut.
Als die Menschen zwar versuchten eine Gasse zu bilden, um die kollabierte Dame zu befreien, diese Gasse aber sofort immer wieder geschlossen wurde und niemand etwas dagegen tun konnte, auch Rufe nichts brachten, legte sich echte Panik über die Masse. In meiner Kehle würgten Tränen der Verzweiflung.
Ich dachte nur: „Raus. Weg. Wenn ich hier raus komme – nie wieder mach ich bei sowas mit.“
Und das ereignete sich auf einem freien Feld mit höchstens ein paar Hundert Menschen innerhalb einer recht kurzen Zeit. Bis zur Auflösung der Situation dürfte höchsten eine 3/4 Stunde vergangen sein.
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